Ikkimel: Wie die Rapperin mit provokanten Texten die Szene aufmischt
Ikkimel: Provokante Rapperin im Porträt

Herbert Grönemeyer bezeichnet sie als „eine unglaubliche Künstlerin“, ihre Fans nennen sie liebevoll „Mutter Ikkimel“, und sie selbst beschreibt sich als „offiziell die allergrößte Fotze der Stadt“. Mit provokanten Texten über Partys, Drogen und Sex hat Ikkimel in den vergangenen Jahren die deutsche Rapszene aufgemischt. Besonders bemerkenswert ist, dass diese frechen Zeilen von einer Frau stammen und nicht von einem Mann.

Musik zwischen Techno und Tabubruch

Die Künstlerin kombiniert schnelle Technobeats mit Zeilen wie „Ich fick sie alle“, „Gibt's den Pimmel auch in groß?“ und „Sperrt die Männer weg“. Ihr Erfolg ist beeindruckend: 2,2 Millionen monatliche Hörer auf Spotify, fast 400.000 Follower auf Instagram und über 13 Millionen Likes auf TikTok. Bei einem spontan angekündigten Konzert in Berlin-Kreuzberg am 1. Mai war der Andrang riesig.

Am 15. Mai 2026 erscheint ihr zweites Studioalbum „Poppstars“, das mindestens so provokant sein dürfte wie ihr Debüt „Fotze“, das 2025 in die Top 10 der deutschen Albumcharts einstieg. Doch was macht Ikkimel so erfolgreich? Die Soziologin Heidi Süß, die zu Rap und Männlichkeit forscht, meint: „Sicherlich nicht nur die Musik.“

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Vom Schmerz zur Kunst

Hinter dem Künstlernamen Ikkimel, der für das Berlinerische „Icke Mel“ („Ich bin Mel“) steht, verbirgt sich Melina Gaby Strauss. Sie wuchs in Berlin-Tempelhof auf, machte Abitur und absolvierte einen Bachelor in Linguistik. Schon als Kind habe sie nicht in die männerdominierte Welt gepasst, erzählte sie der „Zeit“. Der Tod ihres Vaters, den sie bis zuletzt pflegte, war der Wendepunkt: „Wo ich dachte, man lebt nur einmal. Ich scheiß jetzt auf alles und mach einfach das, was mir Spaß macht“, so Ikkimel auf Instagram.

Darin liege auch das Erfolgsrezept: „Es ist ihr zeitgeistiges Image, ein Lifestyle, den sie verkörpert. Es geht um Eskapismus, Hedonismus“, so Süß. Und vor allem um Empowerment, das schon immer der Kern des Hip-Hops gewesen sei: „sich die Kontrolle über den eigenen Körper, über das eigene Image in der Gesellschaft, ob jetzt aufgrund von Rassismus- oder auch Sexismuserfahrungen, zurückzuerobern“, erklärt Süß.

Sprache als Machtinstrument

Kontrolle zurückholen – das tut Ikkimel, indem sie Begriffe wie „Fotze“ reclaimt, um „ihnen die Verletzungsmacht zu nehmen“, so die Soziologin. Reclaimen bedeutet, einen beleidigenden Begriff umzudeuten und zur Selbstbeschreibung zu nutzen, um ihn zu entwaffnen. Es sei ein großer Unterschied, ob man als „Fotze“ bezeichnet würde oder „die Person als Subjekt agiert und diesen Begriff selbst wählt und aktiv für sich reklamiert“, sagt Süß.

Dass ältere Generationen damit wenig anfangen können, verwundert nicht: „Das ist schon auch ein popkulturelles Produkt, so mit diesen Feinheiten von Sprache und diesen Raum auszureizen, auszuloten, den Raum des Sagbaren sozusagen.“

Umkehrung der Machtverhältnisse

„Sperrt die Männer weg“, rappt Ikkimel und setzt dies auch in die Tat um: Bei ihren Liveshows landen männliche Fans in Käfigen. Damit drehe sie den Spieß um. Ganz nach dem Motto: „Jetzt sind wir an der Reihe, jetzt bin ich da und jetzt geh mal auf die Knie und leck mal und sei mal bitte still, weil jetzt rede ich“, so Süß.

Nicht umsonst werde diese neue feministische Strömung auch als „Fotzenfeminismus“ bezeichnet, meint die Rap-Forscherin. Eine eigene Sparte, aber kein neues Phänomen: Rapperinnen wie Missy Elliott in den USA oder Lady Bitch Ray in Deutschland hätten dem Female Rap den Weg geebnet.

Hass und Widerstand

Ikkimels hypersexualisierte Darstellung und ungefragte Offenheit irritiert und stört auch einige. Kurz vor ihrem Album-Release veröffentlichte die 28-Jährige in einem Instagram-Post etliche Hassnachrichten männlicher User, die ihr Gewalt androhten, ihr sogar den Tod wünschten. Auch Kollegen stoßen sich an ihr: Rapper Fler – der in der Vergangenheit ebenfalls derbe, sexualisierte Lyrics geschrieben hat – beleidigte Ikkimel auf Instagram und bedrohte sie.

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Warum sie so viel Hass abbekommt? „Weil sie eine Frau ist, die das Frausein oder das Weiblichsein und vor allem auch ihre Sexualität ja nicht nur ausstellt und zeigt, indem sie mal was Kurzes anhat, sondern die damit auch richtig proaktiv, selbstbewusst und auch in diesem klassischen Rap-Gestus der Überzeichnung rausgeht“, sagt Süß. „So ein offener, lustvoller und provokativer Umgang mit Sexualität ist für viele Männer offensichtlich schwer verdaulich.“

Ikkimel werde „als Bedrohung“ wahrgenommen. Vielen Männern würden Strategien fehlen, um mit so viel weiblichem Empowerment umzugehen.

Feministische Kontroversen

In feministischen Kreisen wiederum wird ihr mitunter vorgeworfen, den „male gaze“ zu reproduzieren, der Frauen zum Objekt macht und auf ihre Körper reduziert. Frauenrechtlerin Alice Schwarzer zeigte sich von Ikkimel erst „erschüttert“, ein paar Wochen später dann aber „bekehrt“. Sie schrieb in ihrer Emma-Kolumne: „Ihre Stärke ist nicht gespielt, sie scheint echt.“ Das belege die Qualität ihrer Musik und Performance.

Nur das Spiel mit dem Wort „Fotze“ geht Schwarzer zufolge nicht auf – schließlich lasse sich dieser „erniedrigendste Begriff von Männern für Frauen auch in einem vorlauten Frauenmund nicht einfach umdrehen in Frauenpower“.

Stimmen der Fans

In der Schlange vor ihrem Konzert sind sich Ikkimels Fans einig: „Sie gibt uns Mädels die Kraft, uns nicht mehr beleidigt zu fühlen, wenn ein Mann zu uns sagt, wir seien Bitches, nur weil wir sexuell offen sind“, sagte eine 24-Jährige der „Zeit“.

„Wenn zeitgleich zehn Männer frauenfeindliche Texte ins Mikro sprechen, juckt das keinen. Bei mir wird strenger hingeguckt. Was einfach sexistisch ist“, sagte Ikkimel der „Zeit“. Es gehe ihr nicht darum, einfach draufzuhauen: „Ich mache Kunst, in der es um das Aufzeigen von gesellschaftlichen Problemen geht“, sagte Ikkimel dem Musikmagazin „Diffus“.

Ihr Ziel sei es, die „Gesellschaft zu beeinflussen und in die richtige Richtung zu treiben. Erreichen, dass Frauen und Minderheiten mehr anerkannt werden und es mehr Zusammenhalt gibt“. Dass der Wandel schon im Gange sei, zeige auch ihr Mainstream-Erfolg: Junge Männer würden langsam anfangen, „feministisch zu denken und sich kritisch gegenüber anderen Männern zu positionieren“, erklärt Süß.