Samstags, nach der „Let’s Dance“-Show, wird es still. Kein Applaus, kein Scheinwerferlicht – die High Heels stehen in der Ecke seiner Hamburger Wohnung. Dann hat Jorge González (58) nur einen Gedanken: „Jetzt würde ich so gern meinen Papa anrufen. Seine Stimme hören und ihm erzählen, was ich wieder Verrücktes erlebt habe.“ Jorge lächelt, als er dieses frühere Ritual zwischen Vater und Sohn schildert. „Wir haben ständig telefoniert, deswegen greife ich heute noch fast automatisch zum Handy, um seine Nummer zu wählen.“ Plötzlich wirkt dieser Mann, der sonst jeden Raum füllt, so ruhig, dass man begreift, wie tief er sich ins Herz blicken lässt.
Schon als Kind wollte Jorge „gesehen werden“
Jorge González ist alles andere als leise. Er ist laut, bunt, schillernd, einnehmend. Immer gut gelaunt und voller Energie. Wenn er spricht, wirbelt er mit Händen und Augen, lacht hell auf, springt von Gedanken zu Gedanken. Sein weicher, kubanischer Akzent ist unverwechselbar. Genau das macht ihn aus – den Jungen aus dem Inselstaat Kuba in der Karibik. Seine Heimat trägt er in jeder Geste. Kuba, das sind Sonne, Meer, Musik und vor allem Jorges Familie. „Ich habe eine große Familie. Die verfolgen alles, was ich im Fernsehen mache.“ Bei den González’ ist man „nah, laut, herzlich. Man lebt miteinander, nicht nebeneinander“, sagt er.
Jorge ist in seiner Familie der optisch Auffälligste. „Alle haben Temperament, aber nicht jeder sucht die große Bühne. Ich habe eine Schwester und einen Bruder.“ Über seine Geschwister sagt er liebevoll: „Meine Schwester ist eine ganz normale Mama. Sie tanzt viel, ist laut wie ich. Mein Bruder ist schüchtern, aber auch charmant und geheimnisvoll. Ein echter Casanova.“ Schon als Kind wollte Jorge „gesehen werden“, sagt er. „Ich wollte alle Aufmerksamkeit von meinen Eltern.“ Er sang, tanzte, spielte Theater im Wohnzimmer. „Ich machte mein Umfeld zu meiner Bühne. Ich liebte es, mich schick zu machen und bunte Kleidung zu tragen.“
Frühes Bewusstsein für die eigene Identität
Er wusste früh, dass er anders ist. „Schwulsein war für mich keine Entscheidung, sondern Identität.“ Auf Kuba war das Thema damals tabu. „Ich konnte meine Sexualität nicht realisieren auf Kuba, weil Homosexualität verboten war.“ Erst als er mit 17 Jahren ins Ausland ging, fand er Freiheit. „Da wusste ich erst: Es ist okay, so zu sein, wie ich bin.“ Die Oma wusste es schon, als der Kleine neun war. Die Eltern erfuhren es später. „Ich habe es meinen Eltern irgendwann gesagt. Ab da war es innerhalb der Familie kein Problem. Ich blieb ihr Sohn und Bruder. Unser Verhältnis hat sich nicht verändert.“ Heute lebt er offen mit einem Mann zusammen. Und doch zieht er klare Grenzen. Über sein Liebesleben spricht er nur so viel wie nötig. Oder wie Jorge es ausdrückt: „Was in meine Bett passiere, bleibe in meine Bett.“
Jorge zeigt aus Schutz seinen Partner nicht
Warum zeigen Sie sich nicht als Paar? „Ich schütze meinen Partner. Nicht, weil ich mich schäme. Aber nicht jeder Mensch möchte in der Öffentlichkeit stehen. Mein Mann will es nicht, warum soll ich ihn dann ins Schaufenster stellen? Wir verstecken uns nicht, aber wir wollen auch keine Schlagzeilen. Ich bin glücklich.“ Diese Klarheit ist Teil seiner Haltung: Respekt, Schutz, Würde. Seine Lebensmenschen bedeuten ihm alles. Als seine Mutter „Cuca“ 2005 an Krebs erkrankte, kehrte er aus Europa nach Kuba zurück. „Ich pflegte sie drei Jahre, bis zu ihrem Tod 2008. Das war eine traurige Zeit, weil ich wusste, ich würde sie verlieren. Aber es war ein Luxus für mich, dass ich mir diese Auszeit erlauben konnte. Wir kamen uns noch näher. Wir redeten über alles.“ Jorges Vater Miguel Gudelio González starb am 2. September 2021 im Alter von 99 Jahren an den Folgen einer Covid-Infektion. „Kurz vor seinem 100. Geburtstag. Den hätten wir gern gemeinsam gefeiert. Mein Vater besuchte mich oft in Hamburg. Er war ähnlich fröhlich und laut, wie ich es bin.“ Denken Sie viel an Ihre Eltern? „Immer.“ Er lächelt. „Sie fehlen mir überall.“
Karrierebeginn bei Germany's Next Topmodel
Jorges Fernsehkarriere begann 2009 durch Zufall in Heidi Klums Castingshow „Germany’s Next Topmodel“. Er bewarb sich für die Jury, wurde nach Los Angeles eingeladen. „Und sofort hat es geklappt. Das war die Geburt meines Chica Walks, meines besonderen Laufstegstils.“ Seit 2013 ist er Teil der RTL-Show „Let’s Dance“. „Dort fand ich meine zweite Familie“, erzählt Jorge. „Wir haben kein Drehbuch. Alles, was in der Sendung passiert, ist echt.“ Er liebt die Emotionen beim Tanzen, die Entwicklung der Kandidaten. „Es ist eine Show voller Emotionen.“
Was ist, wenn mit „Let’s Dance“ mal Schluss sein sollte?
Was passiert, wenn irgendwann einmal die Kameras ausgehen sollten? Wenn keine Jurytafel mehr in seiner Hand liegt? Jorge González zuckt nicht einmal mit den Schultern. „Dein Leben ist deine Bühne. Du bist dein eigener Regisseur. Du musst nur deine Rolle finden. Für mich endet nichts mit einer Show. Ich war Jorge, bevor das Fernsehen kam. Und ich werde Jorge sein, wenn mich eines Tages niemand mehr sehen möchte.“ Da ist kein Drama in seiner Stimme. Kein Festhalten. Nur sein Strahlen, das ausdrückt: Das Leben geht weiter. Dann eben mit neuen Projekten. „Ich habe meine Duftkollektion. Meine Brillenkollektion. Und viele Pläne. Ich bin immer in Entwicklung.“ Stillstand ist für ihn keine Option. Jorge González lebt – laut, mit Akzent, mit Haltung, mit ganz viel Herz. Und solange er atmet, wird er seine Bühne finden.



