Kacey Musgraves, die 37-jährige Sängerin und Songwriterin, die für eine weibliche, sehr wortgewandte und witzreiche Erneuerung der US-amerikanischen Countrymusik steht, hat genau das gemacht: Nach einer Trennung ging sie zum Nachdenken, Erholen und Heilen zurück in ihren Heimatort Golden in Texas. Nicht mal 300 Einwohnende hat das Kaff, das die eigene Einöde sogar auf dem Ortsschild propagiert: „Golden, TX: Somewhere in the middle of nowhere“. Mitten im Nichts, „Middle of Nowhere“, so heißt nun auch das sechste Album, mit dem Musgraves nicht nur aus der selbst gewählten Isolation zurückkehrt, sondern nach Ausflügen in Pop- und Folk-Gefilde auch wieder in ihr angestammtes Genre. Es ist ein Höhepunkt ihrer Karriere.
Ein Jahr ohne Sex: Die Single „Dry Spell“
Dabei handelt es unter anderem davon, dass Musgraves für längere Zeit eben keinerlei Höhepunkte erlebte. In der grandiosen Countrysingle „Dry Spell“ (Trockenperiode) verarbeitet sie ein Jahr ohne Sex und die daraus resultierende Dauergeilheit, sogar beim Einkaufen. Der Clip, den sie zusammen mit der in Popkreisen beliebten Regisseurin Hannah Lux Davis drehte, gehört zu den lustigsten Musikvideos seit Langem. Musgraves, in Couch-Potato-Schlabberklamotten, fährt gelangweilt mit ihrem Truck bei einem typischen Supermarkt in einer Strip Mall vor. Bereits draußen beginnt sie zu halluzinieren, als sich die flatternde Skydancer-Werbefigur auf dem Dach des Ladens in einen riesigen Penis versteift.
Klingt zotig, ist aber sexy. Drinnen ist auf einmal jede aufgeschnittene Honigmelone eine Vagina, Auberginen werden, na klar, zu glänzenden Sexobjekten, der Orangensaft heißt „Orgy Juice“, die Sahnetorte ist besonders klebrig, und an der Wursttheke zieht sie die Nummer „69“. Klingt zotig, ist aber sexy. Zumal Musgraves im mokanten Dürre-Lamento des Songtexts jedes noch so abgewichste Kopulationsklischee aus der Countrylingo über Bacon, Chicken, Trucks in der Auffahrt und Bullen, die bei den Hörnern gepackt werden, geistreich durchnudelt. „It’s been a real long / Three-hundred and thirty-five days / And the last time / It wasn’t good anyway“, singt sie über 335 sexlose Tage, nachdem das letzte Mal noch nicht mal gut gewesen sei. Sie habe sich sogar schon von der laufenden Waschmaschine durchrütteln lassen, so einsam sei sie gewesen, „lonely with a capital H / If you know what I mean“. Das kapitale H steht hier für „horny“.
Wehmütige Balladen und Cowgirl-Revue
Weniger auf die Zwölf, dafür umso wehmütiger und schöner sind Balladen wie das Titelstück, „Coyote“ oder „Loneliest Girl“, in denen Musgraves ihre seelischen Wunden versorgt und feststellt, dass sie allein gut klarkommt. „No service on the phone and I’m alone, but it honestly feels good“, singt sie in „Middle of Nowhere“, und selbst wenn sie Empfang hätte, würde sie nicht zurückrufen. Sie ist glücklich damit, das einsamste Mädchen der Welt zu sein: „Gonna find my own peace“. Das erinnert an ihre Songwriterkollegin Mitski, die auf ihrem vor einigen Wochen veröffentlichten Album „Nothing’s About to Happen to Me“ ähnliche Verschwindefantasien verhandelte. Vielleicht wird Selbstisolation gerade zum therapeutischen Emanzipationstrend, um allen toxischen Einflüssen zu entfliehen. Keine Dauerlösung, aber man könnte es verstehen.
Männer, auch das ist angenehm, kommen auf dem Album im Grunde gar nicht vor. „Middle of Nowhere“ ist kein Scheidungsalbum wie Musgraves „Star Crossed“, das 2021 auf ihr verliebtes Honeymoon-Album „Golden Hour“ folgte, mit dem ihr 2018 der Durchbruch gelang. Es ist aber auch keine druidisch angehauchte Selbstfindung in Wiesen und Wäldern wie „Deeper Well“ von 2024, sondern eine sanft zupackende Cowgirl-Revue voller musikalischer Klarheit. Musgraves erweist sich dabei als an Garth Brooks und dessen Slice-of-Life-Geschichten geschulte Erzählerin, die ihre Storys aber oft so cool und sarkastisch vorträgt wie Sheryl Crow, von der sie auch den Pop- und Rock-Appeal ihrer Countryvariante geerbt zu haben scheint.
Kritik an Trend-Cowboys und Volksmusik-Nähe
Das kann ja auch nicht jeder. Heutzutage wollen alle Cowboy oder Cowgirl sein, ätzt sie in einem Song über trendbewusste Genre-Trittbrettfahrende: „Everybody wants to be a Cowboy these days…“, singt sie, bis es dann fünf Uhr morgens ist, arschkalt draußen, und die Arbeit sich nicht von selbst macht auf der Farm. Zur Belohnung geht es nach der Schufterei ab in den Saloon, zum Beispiel mit „Horses & Divorces“, einem launigen Walzer in dem der Kummer wie „whiskey under the bridge“ verfließt. Oder „Uncertain, TX“, einem Schlager mit Gastauftritt von Country-Methusalem Willie Nelson und Akkordeon, der arg nach Wildecker Herzbuben klingt. „Rhinestoned“ ist noch so ein fieser Schunkler. Country ist halt immer noch auch Volksmusik. So verliert sich dieses sehr schöne Album in seiner allzu jovialen zweiten Hälfte vielleicht doch etwas zu sehr inmitten seines süßen, luftigen Nichts.
In der Schlussballade lässt man sich trotzdem zu Tränen rühren, wenn Musgraves zu gezupfter Gitarre über ihren dank Therapieerfolg bewältigten Herzschmerz singt: „I tried to be your angel, but you made it hell on me“. Schluchz. Wenn’s im Bett nun mal gerade nicht läuft, soll zumindest die Scheunenparty umso heftiger und länger gefeiert werden. (8.2/10)



