Udo Lindenberg wird 80: Der Rock-Poet und seine unendliche Geschichte
Udo Lindenberg wird 80: Der Rock-Poet und seine Geschichte

Udo Lindenberg feiert seinen 80. Geburtstag. Am Mittelfinger seiner linken Hand trägt er einen silbernen Ring mit der Aufschrift „ROCK“. Sein Gürtel trägt die Schnalle „PANIK“. Der Mann aus Gronau in Westfalen, aufgewachsen als Sohn eines Handwerkers und einer Hausfrau, verfiel schon als Kind dem Rock’n’Roll. In den 50er Jahren lief dieser nur auf amerikanischen Soldatensendern – für den Kleinstadtjungen war es der Sound der Verheißung, der Ferne und der Freiheit. Lindenberg wollte raus. Mit elf trommelte er auf Benzinkanistern, mit 13 teilte er seinen Klassenkameraden mit, dass er eines Tages ein Leben „mit goldenen Autos und brillantenbesetzten Klos“ führen werde.

Vom Kellner zum Rockstar

Mit 15 begann Udo eine Kellnerlehre in Düsseldorf. Er musste, sagt er später, „die ganzen Schniegelaffen bedienen – Frau Glattmann und Oberindustrialabsauger Ede Adelstolz“. Mit 16 gab er den Versuch eines bürgerlichen Lebens auf und warf den „Ödeblödejob“ hin. Er studierte Musik in Duisburg, ging dann aber lieber nach Libyen, um dort mit einer Jazzband in einer Stützpunktbar der US-Armee zu spielen.

Ein Talent an der Trommel

Nach dem Wehrdienst, mit 22, zog Lindenberg nach Hamburg. Die Elbmetropole wurde seine Stadt. Sein Talent öffnete ihm Türen zu Stars wie Peter Herbolzheimer, Knut Kiesewetter und Klaus Doldinger. Er war einer der Drummer, die Arrangeur Klaus Weiss für seine Trommlerband Niagara rekrutierte. Lindenberg versuchte sich auch als Sänger, blieb aber zunächst glücklos. Auf dem Album „Lindenberg“ klang der 25-Jährige wie Rod Stewart. „We wait no longer“, sang er auf „Paradise Now“ mit Kopfstimme.

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Die Geburt des Deutschrock

Lindenberg war klar, dass es „keine deutschen Texte gibt: Alles nur Schlagerkotz und so, nääh“. Mit einem Auge auf die Bommerlunderflasche und einem auf die Elbkähne schrieb er seinen ersten kleinen Hit: „Hoch im Norden / hinter den Deichen / bin ich geboren.“ Eine Lüge, aber romantisch. Mit dem Nachfolger „Alles klar auf der Andrea Doria“ wurde der Mann, der sich später „Lindi“, „Panik-Udo“, die „Nachtigall von Billerbeck“ und „El Panico“ nannte, zu seiner eigenen Erfindung. Er bekam als erster deutschsprachiger Rockmusiker einen Millionenvertrag – kein Wunder, er war ja der erste Deutschrocksänger.

Der Panik-Präsident und seine Welt

Der Udo Lindenberg, den er selbst erfunden hat, ist keine Kunstfigur. Der Panik-Präsident und Astronaut vom Affenstern, der die Dröhnland-Sinfonie dirigiert und mit Bodo Ballermann den Ball Pompös unsicher macht, ist immer derselbe „Abenteurer“. Lindenberg spielt mit Sprache, ist „Detektiv Coolman“ und der „Exzessor“, „Jonny Controlleti“ im „Lindischen Ozean“ und der „König von Scheißegalien“. Einer ganzen Generation öffnete er mit Liedern über „Ricky Maserati“, „Elli Pirelli“ und „Wotan Wahnwitz“ das Tor zur Poesie. Seine Werke sind Märchen, besiedelt mit seltsamen Gestalten. Seine Botschaft: Die Welt wird genau die, die du dir selbst ausdenkst.

Der Martin Luther des Rock

Der Münchner Theologe Uwe Birnstein verglich Lindenbergs Sprachmacht mit der Martin Luthers. Der Satz des Reformators, dass er noch heute ein Apfelbäumchen pflanzen würde, selbst wenn morgen die Welt unterginge, sei Lindenbergs Lebensmotto. „Ich bin von Beruf Udo Lindenberg“, schnoddert der „Spontifix“ mit dem „sensiblen Haar“. Udo sei Udo, sagt Schriftsteller Benjamin von Stuckrad-Barre, der mit Lindenberg befreundet ist. Die Kunstsprache, die Udo-Uniform, die Suite im Hotel Atlantic – das alles sind keine Accessoires, sondern das Leben des Udonauten. Neben Lindenbergs Bett steht ein Vogelkäfig mit offener Tür. Warum? „Logisch, wir haben doch alle manchmal einen Vogel, nääh?“

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Die Spottdrossel und der Intellektuelle

Lindenbergs Wappentier könnte die Spottdrossel sein. Als Hobbymaler, auf Rat von Markus Lüpertz „unstudiert und naturbelassen“, versteckt er im Genuschel messerscharfe Gegenwartsanalysen. Er klagt über eine „Zeit, in der das Make-up wichtiger ist als der Song“ und über ein Land unter einem „Leichentuch der Unbildung“. Lindenberg, der bis heute jeden Sonntagabend die Titelmelodie des „Tatorts“ trommelt, ist ein Intellektueller, der sich als Fantasiewesen tarnt. Er wolle mindestens 100 werden, sagte er kurz vor seinem 80. Geburtstag. 2046 werde er eine große Party schmeißen.

Der Ostrocker aus Westfalen

Als die Puhdys auf Wunsch von Berufsschülern aus Gardelegen im Fernsehen ihren Song „Türen öffnen sich zur Stadt“ sangen, war Lindenberg noch mit englischen Texten unterwegs. Doch die Gnade der Geburt im Westen machte den Westfalen zum Erfinder des Deutschrock: 1972 veröffentlichte er „Daumen im Wind“, das erste Rockalbum mit deutschen Texten. Lindenberg war Mitte 20 und überholte Marius Müller-Westernhagen und Dieter Birr, ohne sie einzuholen. Er war nicht der erste, der deutsch rockte – Rio Reiser war vor ihm da – aber der erste, der es erfolgreich tat. Westernhagen folgte ein Jahr später, die Puhdys durften erst 1974 ihr erstes Album machen.

Grenzenlos: Udo und die Mauer

Lindenberg kennt nicht Ost und nicht West, also auch keinen Ostrock und keinen Westrock. „Udo“ nutzte jede Gelegenheit, an der Mauer zu pickern. Er besuchte die DDR privat, besang die „Rock’n’Roll-Arena in Jena“ und das „Mädchen aus Ostberlin“. Er führte einen jahrelangen Kampf um einen Auftritt „drüben“. Legendär ist sein Lederjackengeschenk an Erich Honecker, unvergessen sein einziger Auftritt im „Palast der Republik“. Seine Stasi-Akte ist ein Zeugnis dieses Kampfes.

Fazit: Der Einmalige wird 80

Udo Lindenberg hat den deutschen Rock erfunden und gleich auch die Figur des Udo Lindenberg. Er ist längst nicht mehr nur Künstler, sondern Symbol. Mit seinem Hut, der Brille und dem Rock-Ring feiert er seinen 80. Geburtstag – und bleibt unendlich.