Zu den deprimierenden Erkenntnissen der Gegenwart gehört, dass sich die Menschheit zurückentwickelt: dass wir in einer Ära der Regression leben, in der wieder die Macht des Stärkeren zählt. Regeln weichen der Gewalt, Verhandeln gilt als die Methode der Schwächlinge. Donald Trumps Coup in Venezuela ist dafür ein Beleg und sein Appetit auf Kuba und Grönland. Aber auch Wladimir Putins Krieg in der Ukraine, das wohl brutalste Beispiel einer neuen und gleichzeitig uralten imperialen Politik.
Der Streit um Taiwan
Gesellt sich bald ein weiteres Beispiel dazu? Glaubt man den amerikanischen Geheimdiensten, hat Chinas Präsident Xi Jinping seine Volksbefreiungsarmee angewiesen, bis zum Jahr 2027 bereit zu sein, die Insel Taiwan einzunehmen. Gleich zu Beginn des Besuches von Trump in Peking hat der chinesische Machthaber seinen US-Kollegen wissen lassen, dass es für die Beziehungen der beiden Länder extrem gefährlich wäre, würden die Vereinigten Staaten den Anspruch auf die Insel negieren.
Was spricht gegen eine Invasion?
Blickt man nüchtern auf die Lage, stellt sich unweigerlich die Frage: Was sollte China noch davon abhalten, sich Taiwan einzuverleiben? Trump hat im Gegensatz zu seinem Vorgänger Joe Biden kein Versprechen abgegeben, die Insel notfalls mit US-Truppen zu verteidigen. Und selbst wenn er es wollte: Trump hat sich mit dem Krieg in Iran auf ein teures und ressourcenintensives Abenteuer eingelassen, das die USA so schwächen könnte, dass ein Einsatz im Pazifik gar nicht infrage kommt.
Gleichzeitig hat der US-Präsident seinem chinesischen Kollegen alle Vorwände geliefert, sich Taiwan notfalls mit Gewalt zu holen. Warum sollte China darauf verzichten, eine Insel zu besetzen, die es ohnehin als ihr Territorium begreift, wenn Trump davon spricht, Kanada oder Venezuela zum 51. Bundesstaat der Vereinigten Staaten zu machen? Wenn der US-Präsident öffentlich damit droht, einen Nato-Partner anzugreifen, damit die US-Flagge über Grönland wehen kann? Wenn er davon spricht, dass nur sein eigenes Gewissen die Grenze seiner Macht definiere?
Lehren aus der Geschichte
China ist zur Weltmacht aufgestiegen, weil es auf militärische Abenteuer verzichtet hat. Besitzen die Machthaber in Peking noch die politische Klugheit ihrer Vorgänger? Der Leitartikel von René Pfister, SPIEGEL-Korrespondent in Paris, mahnt zur Besonnenheit. Statt auf Trumps imperiales Vorbild zu schauen, sollte Xi Jinping die Fehler der Großmachtpolitik studieren – und erkennen, dass militärische Expansion langfristig schwächt. Die Menschheit lebt in einer Ära der Regression, aber China hat die Chance, diesen Trend nicht weiter zu befeuern.



