Kiew – Zuerst kamen tagsüber scheinbar endlose Wellen russischer Drohnen. Dann, als die Nacht hereinbrach, gingen ballistische Raketen nieder. In den frühen Morgenstunden kauerten Reporter von „Business Insider“ mit Dutzenden anderen Menschen in einem kühlen, voll besetzten Parkhaus, das als Luftschutzkeller diente. Im dämmrigen Licht schliefen einige Menschen in ihren Autos. Andere hatten sich ein Bett oder Sofa gesichert, während über ihnen die Stadt erschüttert wurde.
Die ukrainische Luftabwehr kämpfte heftig gegen Russlands nächtlichen Beschuss, doch einige der 675 Drohnen und 56 Marschflugkörper kamen durch und legten ganze Gebäude in Trümmer. Stundenlang taten die Menschen im Schutzraum, was sie konnten: Sie hörten Musik, schauten Serien auf ihren Geräten, rollten sich zusammen und versuchten zu schlafen, unterhielten sich leise mit anderen und suchten auf ihren Handys nach aktuellen Informationen.
Ukraine störte GPS-Signal wegen Drohnen
Bereits am Mittag fiel nördlich von Kiew plötzlich die iPhone-Navigation aus – ein mögliches Anzeichen für elektronische Kriegsführung. Russische Drohnen flogen in der Nähe, und es ist nicht ungewöhnlich, dass die Ukraine GPS-Störungen einsetzt, um sie abzuwehren. Der ukrainische Militärgeheimdienst HUR warnte vor einem groß angelegten Luftangriff auf „kritische Infrastruktur und Lebenserhaltungssysteme großer Städte, darunter Energieanlagen, Unternehmen der Verteidigungsindustrie und Regierungsgebäude“. Eine mobile Luftabwehreinheit hatte außerhalb Kiews bis zum Abend 700 Drohnen abgefangen oder mit Maschinengewehren abgeschossen.
Experten sehen neue Strategie der Russen
Russische Drohnen kamen weiter in Wellen. Gegen 1 Uhr nachts erhielten die Menschen in Kiew Meldungen über Starts ballistischer Raketen und begaben sich in Schutzräume. Explosionen erschütterten die Stadt und rissen auch die Menschen in dem umfunktionierten Parkhaus immer wieder hoch. Tageangriffe, gefolgt von nächtlichem Beschuss, entwickeln sich zu einer neuen Taktik. Die Denkfabrik „Institute for Science and International Security“ sieht in den kombinierten Nacht-Tag-Angriffszyklen eine „bedeutende operative Entwicklung“ für Russland.
Die Ukraine hatte einen schweren Beschuss vorhergesagt. Am Dienstag startete Russland nach Angaben der ukrainischen Luftwaffe mehr als 750 Angriffs- und Täuschdrohnen über der Ukraine. Der seltene Tagesangriff folgte auf das Ende einer dreitägigen Waffenruhe. Mindestens sechs Menschen wurden nach Behördenangaben am Mittwoch getötet, Dutzende weitere verletzt.
Jake Epstein ist Korrespondent für Business Insider mit Sitz in London. Er berichtet über globale Verteidigungsthemen mit den Schwerpunkten US-Militär, Nato, europäische Sicherheit sowie neue Technologien in der Kriegsführung.



