Der 1. Mai, der Internationale Tag der Arbeit, wirkt heute oft wie ein Ritual aus einer anderen Zeit. Rote Fahnen, Transparente, Parolen – vielleicht noch ein bisschen Nostalgie – und danach geht es an den Grill. Das Wetter soll ja schön werden, der Maifeiertag als idealer Einstieg ins lange Wochenende. Währenddessen hat sich die Arbeitswelt längst verschoben. Leise, aber radikal.
Die laute Debatte über Künstliche Intelligenz
Künstliche Intelligenz ist dabei, viele der sichtbaren, gut bezahlten Tätigkeiten umzubauen oder ganz zu verdrängen. Büroarbeit, Analyse, selbst kreative Prozesse – alles steht zur Disposition. Daher ist es verständlich, dass sich die öffentliche Aufmerksamkeit genau auf diese Bereiche richtet: auf diejenigen, die laut sind, organisiert und diskursfähig.
Die unsichtbare Grundlage
Dieser Aspekt aber greift zu kurz. Was am 1. Mai erstaunlich oft fehlt, ist der Blick auf jene Arbeit, die sich nicht einfach automatisieren lässt – und die trotzdem chronisch unterbewertet ist. Polizisten, Feuerwehrleute, Pflegekräfte, Reinigungspersonal, Logistikarbeiter, Erzieherinnen, Menschen in der Lebensmittelproduktion, Entsorgung oder im Einzelhandel. Und auch die Zeitungsausträger! Ohne sie steht alles still. Kein Krankenhaus läuft, keine Stadt funktioniert, keine Versorgung ist gesichert. Diese Tätigkeiten sind nicht „die Zukunft der Arbeit“. Sie sind die Gegenwart – und das Fundament.
Schon Bertolt Brecht brachte in der Dreigroschenoper im Jahr 1928 die Problematik auf den Punkt: „Denn die einen sind im Dunkeln / Und die anderen sind im Licht / Und man siehet die im Lichte / Die im Dunkeln sieht man nicht.“
Die wachsende Schieflage
Gerade im Zeitalter von KI wird diese Schieflage sichtbarer. Während wir eifrig darüber diskutieren, welche hochqualifizierten Jobs verschwinden könnten, übersehen wir, dass viele systemrelevante Berufe seit Jahren am Limit und auch sehr häufig darüber arbeiten – schlecht bezahlt, gesellschaftlich wenig anerkannt, politisch und im Alltag oft übersehen. Die technologische Transformation verschärft diese Ungleichzeitigkeit: oben sozial abgefederte Disruption, unten Dauerbelastung.
Ein notwendiger Perspektivwechsel
Ein zeitgemäßer 1. Mai müsste genau hier ansetzen. Weniger Selbstvergewisserung der organisierten Mittelschicht, mehr Sichtbarkeit für die unsichtbare Arbeit. Weniger Symbolik, mehr konkrete Fragen: Wer trägt die Risiken des Wandels? Wer profitiert? Und warum bleibt ausgerechnet die unverzichtbare Arbeit strukturell benachteiligt?
Fortschritt neu denken
Vielleicht braucht es keine neuen Rituale, sondern einen neuen Fokus. Einen, der anerkennt, dass Fortschritt nicht nur darin besteht, Arbeit effizienter zu machen – sondern sie gerechter zu verteilen, aufzuwerten und sichtbar zu machen. Gerade jetzt.



