Kunstbiennale Venedig: Jury tritt zurück, Feiern abgesagt
Biennale Venedig: Jury-Rücktritt und Chaos

Die Kunstbiennale in Venedig, eine der bedeutendsten Ausstellungen zeitgenössischer Kunst weltweit, steht kurz vor ihrer Eröffnung in einem beispiellosen Chaos. Nur wenige Tage vor dem geplanten Start ist die internationale Jury geschlossen zurückgetreten, nachdem es zu schweren Konflikten über die Behandlung der Beiträge aus Russland und Israel gekommen war. Ein solcher Schritt ist in der über 125-jährigen Geschichte der Biennale, die 1895 gegründet wurde, noch nie vorgekommen. Die ursprünglich geplante große Eröffnungsfeier wurde abgesagt, ebenso wie die traditionelle Verleihung der Goldenen Löwen. Stattdessen sollen die Preise nun erst zum Ende der Biennale im November vergeben werden – nicht mehr durch eine Jury, sondern durch eine Abstimmung des Publikums.

Politische Verstrickungen überschatten die 61. Ausgabe

Die alle zwei Jahre in der italienischen Lagunenstadt stattfindende Biennale zählt gemeinsam mit der documenta in Kassel zu den wichtigsten Veranstaltungen für zeitgenössische Kunst. Die 61. Auflage geriet jedoch in den Strudel der Weltpolitik. Zunächst sorgte die Entscheidung für Aufsehen, dass erstmals seit Beginn des Ukraine-Krieges wieder Kunst aus Russland gezeigt wird. Hinzu kam, dass die Jury vergangene Woche sowohl Russland als auch Israel von der Preisvergabe ausschloss. Dieser Schritt führte zu massiven Spannungen und letztlich zum kollektiven Rücktritt der fünf Juroren unter Vorsitz der brasilianischen Kunsthistorikerin Oliveira Farks.

Todesfälle belasten die Biennale zusätzlich

Die diesjährige Biennale wird zudem von zwei tragischen Todesfällen überschattet. Die Kuratorin der Ausstellung, Koyo Kouoh, starb im vergangenen Jahr im Alter von 57 Jahren an Krebs. Im Februar erlag die Installationskünstlerin Henrike Naumann, die als Vertreterin Deutschlands vorgesehen war, ebenfalls mit nur 41 Jahren einer Krebserkrankung. Der deutsche Pavillon wurde dennoch nach den Konzepten Naumanns und der Deutsch-Vietnamesin Sung Tieu gestaltet. Die nationalen Pavillons auf dem Biennale-Gelände sind bereits für Fachbesucher zugänglich, bevor die offizielle Eröffnung am kommenden Samstag stattfindet.

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Rücktritt der Jury sorgt international für Schlagzeilen

Der geschlossene Rücktritt der Jury sorgt in der Kunstwelt weit über Italien hinaus für Aufsehen. Die fünf Mitglieder veröffentlichten eine gemeinsame Erklärung, ohne jedoch ihre genauen Beweggründe zu erläutern. Die italienische Zeitung La Repubblica titelte: „Biennale im Chaos“. Berichten zufolge wurde die Jury zum Rücktritt gedrängt, möglicherweise sogar mit der Androhung von Schadensersatzforderungen. Offizielle Bestätigungen hierfür gibt es jedoch nicht.

Italiens Ministerpräsidentin Meloni zeigt sich irritiert

Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni äußerte sich verwirrt über die Vorgänge: „Ich weiß nicht, ob dies mit der Entsendung der Inspektoren zusammenhängt. Was die Dynamik dieser Angelegenheit angeht, habe ich den Überblick etwas verloren.“ Zuvor hatten Meloni und Kulturminister Alessandro Giuli bereits angekündigt, der Eröffnung fernzubleiben. Die italienische Regierung hatte nach dem Jury-Beschluss Inspektoren nach Venedig entsandt. Die EU droht der Biennale zudem mit der Streichung von Millionen-Zuschüssen aufgrund der Beteiligung Russlands.

Neue Preisvergabe: Besucherlöwen statt Goldener Löwe

Nach dem Rücktritt der Jury kündigte die Biennale-Leitung an, die Goldenen Löwen nun erst am letzten Ausstellungstag im November zu vergeben. Statt der üblichen Preise soll es nur zwei „Leoni dei Visitatori“ (Besucherlöwen) geben, bei deren Abstimmung auch die Beiträge aus Russland und Israel berücksichtigt werden. Israels Außenminister Gideon Saar begrüßte diese Entscheidung: „Die Botschaft ist klar: In der Kulturwelt ist kein Platz für Politik, Boykotte oder Antisemitismus.“

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Russland sieht Teilnahme als Ende kultureller Isolation

Russland betrachtet seine erste Teilnahme an der Biennale seit Beginn des Angriffskriegs gegen die Ukraine als Zeichen für das Ende seiner kulturellen Isolation im Westen. Noch 2022 hatten russische Künstler aus Protest gegen den Krieg ihre Teilnahme abgesagt. 2024 überließ der russische Staat seinen Pavillon aus Zarenzeiten Bolivien. Im fünften Kriegsjahr ist jede Zurückhaltung gefallen. Verantwortlich für den russischen Beitrag ist die Kuratorin Anastassija Kornejewa, Tochter eines Rüstungsmanagers im Rang eines Geheimdienstgenerals, die gemeinsam mit Jekaterina Winokurowa, Tochter von Außenminister Sergej Lawrow, eine Galerie für moderne Kunst in Moskau leitet.

Kunst als Teil hybrider Kriegsführung?

Für die Ukraine und andere Russland-Kritiker ist die russische Kulturoffensive Teil von Moskaus hybrider Kriegsführung. Der Museumsdirektor der Eremitage in St. Petersburg, Michail Piotrowski, bezeichnete russische Ausstellungen im Ausland einst als „eine Art Spezialoperation“ – so wird der Krieg gegen die Ukraine offiziell in Russland genannt. In Venedig sind für die kommende Woche mehrere Demonstrationen geplant: Am Freitag soll gegen Israel protestiert werden, am Samstag gegen Russland.