Am 1. Mai wird in Mecklenburg-Vorpommern an Michael Gartenschläger erinnert. Sein 50. Todestag ist Anlass, den Fall noch einmal nachzuzeichnen.
Vom Jugendlichen zum Staatsfeind
Michael Gartenschläger wurde 1944 in Strausberg geboren. Er machte eine Lehre als Kfz-Schlosser, hörte Rock 'n' Roll und gehörte zu einem Freundeskreis, der schon vor dem Mauerbau ins Blickfeld der Behörden geraten war. Nach dem 13. August 1961 protestierte er mit anderen gegen die Abriegelung. Sie schrieben Parolen an Wände und steckten eine LPG-Scheune in Brand.
Im September 1961 wurde der damals 17-Jährige verurteilt. Das Verfahren fand als Schauprozess im Strausberger Kulturhaus der NVA statt. Das Bezirksgericht Frankfurt (Oder) verhängte eine lebenslange Zuchthausstrafe. Ein Gutachten bescheinigte ihm „biologische Volljährigkeit“, sodass nicht das mildere Jugendstrafrecht angewandt wurde.
Fast zehn Jahre in Haft
Nach der Verurteilung kam Gartenschläger zunächst in Untersuchungshaft des Ministeriums für Staatssicherheit und später in Haftanstalten nach Torgau und Brandenburg-Görden. Aus dieser Zeit sind mehrere Fluchtversuche überliefert. Sie blieben erfolglos und führten zu weiteren Strafen, darunter Arrest und Einzelhaft.
1966 starb seine Mutter; die Teilnahme an der Beerdigung wurde ihm verweigert. Überliefert ist eine Protestaktion auf einem Gefängnisschornstein, bei der er das Wort „Hunger“ anbrachte. 1971 wurde Gartenschläger nach fast zehn Jahren Haft von der Bundesrepublik freigekauft.
Neuanfang und Fluchthilfe
Nach seiner Entlassung lebte Gartenschläger in Hamburg und arbeitete dort als Tankstellenpächter. Der Häftlingsfreikauf war damals ein fester Bestandteil der deutsch-deutschen Beziehungen. Für Gartenschläger endete die Auseinandersetzung mit der DDR damit nicht.
In den folgenden Jahren betätigte er sich als Fluchthelfer für DDR-Bürger. In den vorliegenden Darstellungen ist von insgesamt 31 Menschen die Rede, denen er zwischen 1972 und 1975 zur Flucht verholfen oder an deren Flucht er mitgewirkt haben soll. Bei einem Schleusungsversuch wurde Gartenschläger in Bulgarien festgenommen. Anschließend kam er mit Unterstützung örtlicher Funktionsträger bis zur diplomatischen Vertretung der Bundesrepublik in Belgrad.
Demontage der Selbstschussanlagen
1976 wurde Gartenschläger bekannt, weil er Selbstschussanlagen vom Typ SM-70 von der Grenze demontierte. Diese Geräte waren am Grenzzaun montiert und verschossen bei Auslösung Splitter entlang des Zauns. Die DDR bestritt ihren Einsatz über Jahre öffentlich.
Ende März 1976 gelang es Gartenschläger, eine SM-70 abzubauen und im Westen vorzulegen. Wenige Wochen später demontierte er eine zweite. Die erste Anlage verkaufte er zusammen mit seiner Lebensgeschichte dem Magazin „Der Spiegel“ für 12.000 D-Mark, die zweite an die Arbeitsgemeinschaft 13. August für 3000 D-Mark. Die Aktionen machten den Einsatz und Wirkungsweise der Anlagen öffentlich bekannt.
Die Nacht zum 1. Mai
In der Nacht zum 1. Mai 1976 kehrte Gartenschläger mit zwei Begleitern an den Grenzzaun zurück. Dort wollte er erneut eine SM-70 abbauen oder zur Explosion bringen. Auf DDR-Seite liefen zu diesem Zeitpunkt bereits Sicherungsmaßnahmen. In internen Unterlagen war davon die Rede, die Täter „festzunehmen oder zu vernichten“.
Wie die Schüsse im Einzelnen abliefen, blieb später umstritten. Nach den Feststellungen der Gerichte konnte nicht ausgeschlossen werden, dass Gartenschläger zuerst schoss, nachdem er im Bereich des Zauns ein Geräusch bemerkt hatte. Seine Begleiter schilderten den Ablauf anders. Fest steht, dass mehrere Schützen auf ihn feuerten, er mehrfach getroffen wurde und zunächst noch lebte. Er wurde vom Grenzstreifen auf DDR-Gebiet gebracht und starb kurze Zeit später.
Beisetzung in Schwerin verschleiert
Nach seinem Tod wurde die Leiche am 10. Mai 1976 auf dem Schweriner Waldfriedhof verbrannt und anonym beigesetzt. In den Unterlagen wurde sie als „unbekannte Wasserleiche“ geführt. Seine Angehörigen erfuhren erst nach der Wiedervereinigung, wo sich die Überreste befanden.
Heute liegt dort ein Ehrengrab. Auch deshalb gehört Schwerin zu den Orten, an denen an Michael Gartenschläger erinnert wird. Die spätere Beisetzung ist Teil der Geschichte, an die nun erinnert wird.
Der Prozess vor dem Landgericht
Die strafrechtliche Aufarbeitung begann erst nach der Deutschen Einheit. 2000 verhandelte das Landgericht Schwerin gegen drei beteiligte Schützen. Im Mittelpunkt stand die zweite Schussfolge, also der Vorwurf, dass auf den bereits am Boden liegenden Gartenschläger geschossen worden sei.
Das Gericht sprach die Angeklagten frei. Nach der Beweislage ließ sich nicht sicher ausschließen, dass eine Notwehrlage oder eine angenommene Notwehrlage vorlag. Auch spätere Verfahren gegen Vorgesetzte endeten ohne Verurteilung. Der Bundesgerichtshof stellte 2005 fest, dass Führungskräfte der DDR die Tötung für den Fall eines misslingenden Zugriffs eingeplant hatten. Strafrechtlich führte das in diesem Fall nicht zu einem Schuldspruch.
Erinnerung an mehreren Orten
Bereits am 30. April erinnert das Grenzhus Schlagsdorf mit einer Veranstaltung, Zeitzeugengesprächen und der Ausstellung „DDR-Jugendopposition / Das Schicksal Michael Gartenschlägers“ an den 50. Todestag. Am 1. Mai folgt um 12 Uhr das Gedenken am Gartenschläger-Eck zwischen Leisterförde und Bröthen. Um 15 Uhr ist auf dem Schweriner Waldfriedhof eine Kranzniederlegung mit Schweigeminute am Ehrengrab vorgesehen.



