Gemeinsamer Krieg, unterschiedliche Prioritäten: Die USA und Israel im Iran-Konflikt
Washington und Tel Aviv führen gemeinsam Krieg gegen den Iran, doch hinter der offiziellen Einheitsrhetorik zeichnen sich zunehmend unterschiedliche Prioritäten und Kommunikationsstrategien ab. Während US-Präsident Donald Trump und Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu betonen, dass „kein Blatt Papier“ zwischen ihnen passe, deuten zahlreiche Indikatoren auf divergierende Kriegsziele und taktische Differenzen hin.
Widersprüchliche Zeitpläne und Kriegsdauer
Die Angaben beider Regierungen zur Kriegsdauer und zum Fortschritt der Militäroperationen fallen teilweise diametral auseinander. Während Trump am Freitag verkündete, die US-Angriffe zurückzufahren, da man kurz davor stehe, die Kriegsziele zu erreichen, schickten die USA laut Medienberichten gleichzeitig Tausende zusätzliche Soldaten in die Region. Auf die Frage, ob Israel bereit sei, den Krieg zu beenden, wenn die USA es sind, antwortete Trump nur mit einem vagen „Das denke ich, ja.“
Tags darauf präsentierte der israelische Generalstabschef Ejal Zamir ein völlig anderes Bild: Drei Wochen Krieg hätten den iranischen Machtapparat zwar geschwächt, man befinde sich aber erst „auf halbem Weg“. Der Krieg werde auch während des jüdischen Pessachfests weitergehen, das am 1. April beginnt und eine Woche dauert.
Trumps ungewöhnliche Kriegsdefinition
Für Verwirrung sorgte Trump mit einer Aussage bei Fox News Radio. Auf die Frage, wann der Krieg zu Ende sei, antwortete er: „When I feel it in my bones“ – was so viel bedeutet wie: „Wenn ich es tief in mir spüre“. Diese subjektive Kriegsdefinition steht im Kontrast zu den konkreteren Zeitangaben der israelischen Militärführung.
Der israelische Verteidigungsminister Israel Katz kündigte am Samstag sogar eine weitere Verstärkung der Angriffe an: „Wir werden nicht aufhören, bis alle Kriegsziele erreicht sind.“ Netanjahus Äußerungen variieren je nach Sprache: Auf Hebräisch betonte er, der Krieg werde weitergehen, „so lange dies notwendig ist“, während er auf Englisch verkündete, dass der Krieg „viel schneller enden wird, als die Leute denken“.
Ökonomische versus militärische Prioritäten
Experten sehen einen klaren Unterschied in den Prioritäten beider Länder. Während Israel sich auf die militärische Ausschaltung iranischer Kapazitäten konzentriert, hat Trump angesichts der bevorstehenden Zwischenwahlen im November die wirtschaftlichen Folgen der Ölkrise stärker im Fokus. Dies zeigt sich auch in seiner Drohung gegenüber dem Iran, die Energieanlagen zu zerstören, sollte das Land nicht innerhalb von 48 Stunden die für den Ölhandel wichtige Straße von Hormus vollständig öffnen.
US-Geheimdienstchefin Tulsi Gabbard bestätigte diese unterschiedliche Gewichtung: Während sich Israel auf die Ausschaltung der iranischen Führung konzentriere, lege Trump den Fokus darauf, die Produktionskapazitäten für ballistische Raketen und die iranische Marine auszuschalten, die die Sicherheit der Straße von Hormus bedroht.
Öffentliche Zurechtweisung und Koordinationsprobleme
Ein Post Trumps auf Truth Social ließ vor Tagen aufhorchen: „ES WERDEN KEINE WEITEREN ANGRIFFE VON ISRAEL“ auf ein wichtiges Gasfeld im Iran erfolgen. Die Vereinigten Staaten hätten von der Attacke nichts gewusst. Dies war das erste Mal, dass der US-Präsident den Verbündeten im Krieg in aller Öffentlichkeit so scharf zurechtwies.
Israels Regierung war daraufhin bemüht zu betonen, man ziehe weiter an einem Strang. Netanjahu versicherte: „Israel hat allein gegen die Gasförderanlage gehandelt.“ Allerdings berichtete die Zeitung „Israel Hajom“ unter Berufung auf amerikanische und israelische Beamte, der Angriff sei sehr wohl koordiniert gewesen – was auch US-Medienberichte nahelegen.
Schlingerkurs bei Kriegsbegründungen
Schon zu Beginn der Kampfhandlungen zeigte die US-Regierung einen bemerkenswerten Schlingerkurs bei der Frage, warum sie überhaupt Krieg führt. Zunächst bediente Trump das Motiv vom „Regime Change“, indem er die Iraner aufrief, die autoritäre Regierung zu stürzen. Dann rückte er den militärischen Aspekt in den Vordergrund: das Waffenarsenal des Irans zu vernichten und dem Land keine atomare Bewaffnung zu gestatten. Schließlich argumentierte er, der Iran versuche, Israel zu vernichten, und man wolle auch das amerikanische Volk verteidigen.
Die US-Zeitschrift „The Atlantic“ kommentierte sarkastisch, Trump habe unter den verschiedenen Begründungen ausgewählt, „als würde er Horsd'œuvres von einem Buffet in einem seiner Golfresorts aussuchen“.
Wer hat wen in den Krieg gedrängt?
Kritiker beider Regierungen sehen sich durch den Rücktritt des Chefs des Nationalen Zentrums für Terrorismusbekämpfung in den USA, Joseph Kent, bestätigt. Er betonte, der Iran habe keine unmittelbare Bedrohung für die USA dargestellt. Es sei offensichtlich, dass die Vereinigten Staaten den Krieg auf Druck der Israelis begonnen hätten.
Netanjahu wies diese Darstellung energisch zurück und beschrieb sie als „Zeitungsente“ und „lächerlich“. „Amerika kämpft nicht für Israel“, sagte er. „Amerika kämpft mit Israel für ein gemeinsames Ziel: unsere Zukunft zu schützen, die Zivilisation gegen diese Barbaren zu verteidigen.“
Trotz aller Differenzen betonen beide Seiten weiterhin ihre enge Verbundenheit. Trump bekräftigte zuletzt: „Unsere Beziehung ist sehr gut.“ Doch die unterschiedlichen Kommunikationsmuster, Prioritäten und Kriegszeitpläne lassen Zweifel aufkommen, ob Washington und Tel Aviv tatsächlich noch denselben Kampf führen.



