Zwischen Alltag und Angriffen: So erleben Israelis den Krieg in Tel Aviv
Im Nordwesten der israelischen Küstenmetropole Tel Aviv hallt am Wochenende ein ungewöhnlich lauter Knall durch die Straßen. Nach dem Ende eines iranischen Angriffs strömen zahlreiche Menschen aus ihren Schutzräumen, als sich die Nachricht verbreitet: Ein Raketenteil ist in der Gegend eingeschlagen. Seit anderthalb Wochen greifen Israel und die USA Ziele im Iran an, und das Land schlägt mit Raketenangriffen auf Israel und weitere Staaten in der Region zurück.
Schock und Anpassung im Alltag
Nach dem Einschlag am Sonntag drängen Polizisten Anwohner und Schaulustige zurück, während sie das Gebiet großflächig absperren. Spezialkräfte untersuchen zunächst, ob Explosionsgefahr besteht. Ein Auto wurde getroffen, und das Raketenteil hat daneben ein großes Loch in den Boden gerissen. Die Besitzerin des Fahrzeugs ist sichtlich schockiert. „Ich war nicht zu Hause“, berichtet sie der Deutschen Presse-Agentur. Auch ihre Wohnung habe Schäden erlitten – ihr Mann habe ihr mitgeteilt, dass Fensterscheiben zerbrochen seien. Immerhin habe er den Angriff sicher im Luftschutzbunker überstanden.
Doch mehr kann die Frau nicht erzählen, denn auf den Handys aller Umstehenden ertönt bereits wieder der schrille Warnton des israelischen Zivilschutzes. Ein weiterer Angriff steht bevor, und eilig machen sich die Menschen erneut auf den Weg in Schutzräume. Viele Israelis übernachten derzeit sogar in diesen Bunkern, da sie es sonst in der Nacht kaum rechtzeitig dorthin schaffen würden. Nach der Handywarnung bleiben nur wenige Minuten, um sich in Sicherheit zu bringen, und nicht alle haben einen Bunker in unmittelbarer Nähe. In einem unterirdischen Parkhaus im Norden von Tel Aviv haben einige Anwohner sogar Zelte aufgebaut, in denen sie vorübergehend leben.
Normalität trotz Ausnahmezustand
Oberirdisch bietet sich diesen Tagen ein Bild, das fast nach Normalität aussieht. Die meisten Geschäfte haben geöffnet, am Strand von Tel Aviv treiben Menschen Sport, und nicht wenige Israelis verbringen ihre Zeit wieder in Cafés, Bars oder Restaurants. Allerdings sind die Lokale längst nicht so gut besucht wie üblich. „Wir sind an Ausnahmesituationen gewöhnt“, erklärt der Anwalt Itay, der mit einem Arbeitskollegen einen Espresso in einem Café trinkt. Raketenangriffe gehören für Israelis schon seit Jahrzehnten zum Alltag, doch die iranischen Geschosse gelten als besonders gefährlich.
„Wir passen uns immer an die aktuelle Lage an“, sagt der 60-Jährige weiter. Er erkundige sich derzeit etwa immer nach dem nächsten Schutzraum, wenn er außer Haus Zeit verbringe. Eine Kellnerin in dem Café ist in der aktuellen Lage weniger gelassen: „Ich habe Kinder und wäre in dieser Zeit wirklich gerne bei ihnen“, sagt die 38 Jahre alte Avital. Sie müsse aber arbeiten, weil die Familie auf das Geld angewiesen sei, erklärt die Israelin, während sie für einen Kunden einen Kaffee zubereitet. Ihre Kinder seien gerade bei ihrer anderen Mutter – und damit zumindest in besten Händen. Die Kindergärten und Schulen im Land sind derzeit noch geschlossen.
Mehrmals tägliche Warnungen und Alltagsunterbrechungen
Mehrmals täglich gibt es derzeit Warnungen vor Angriffen. In den Cafés bleiben dann die Gläser stehen, und in den Supermärkten werden die Einkaufswagen verlassen. Nach rund 20 Minuten gibt es meistens Entwarnung, und die Menschen können die Schutzräume wieder verlassen. Dann versuchen sie, ihren Alltag so gut es geht wieder aufzunehmen. Trotz des mitunter tödlichen Raketenbeschusses ist eine große Mehrheit der Israelis Umfragen zufolge für den Krieg. Viele hoffen auf einen Regierungssturz im Iran, da sie ihre Heimat durch das iranische Raketen- und Atomprogramm existenziell bedroht sehen.
Die Situation in Tel Aviv ist geprägt von einem ständigen Wechsel zwischen Routine und Alarm. Während einige Bewohner versuchen, ihr Leben so normal wie möglich zu gestalten, müssen andere mit den psychischen und physischen Folgen der Angriffe kämpfen. Die Resilienz der Bevölkerung zeigt sich in ihrer Fähigkeit, sich schnell an neue Bedrohungen anzupassen, doch die Belastung ist allgegenwärtig. Die Kombination aus Alltagsaktivitäten und regelmäßigen Schutzmaßnahmen unterstreicht die einzigartige Herausforderung, in einem Kriegsgebiet zu leben, das gleichzeitig versucht, seinen urbanen Rhythmus aufrechtzuerhalten.



