Bundeswehr in Litauen: Kampfbereit gegen Putin? Report aus Vilnius
Bundeswehr in Litauen: Kampfbereit gegen Putin?

Ein unscheinbares Bürogebäude in Vilnius, im Hinterhof plätschert ein Bach vor Baustellen und Sowjet-Ruinen. Einzig der Name am Klingelschild verrät, dass hier die Verteidigung des Kontinents geplant wird: „Panzerbrigade 45“. Seit Verteidigungsminister Boris Pistorius (66, SPD) beschlossen hat, 5000 Soldaten im Hauruck-Verfahren an der Ostflanke zu stationieren, dreht sich alles um Litauen. Das Kommando hat Brigadegeneral Christoph Huber (50). Ein Vollblut-Soldat, in jedem Wort weht der Wind der Zeitenwende. „Ich habe Gottvertrauen in die Nato und unsere Fähigkeiten. Wir werden mit unserem Leben dafür einstehen, dass Freiheit und Recht des deutschen Volkes an der Nato-Ostflanke tapfer verteidigt werden.“

Unsere Brigade muss stehen – um jeden Preis

Ausgerechnet die alte Besatzungsmacht Deutschland soll das kleine Land im Baltikum gegen die andere alte Besatzungsmacht verteidigen: Russland. Schon 2027 könnte Putin über den Satelliten Belarus in Litauen einfallen, um das Baltikum vom Rest Europas abzutrennen. „Wir werden jeden Zentimeter verteidigen“, lässt Huber keinen Zweifel. Bei der Indienststellung der Brigade vor einem Jahr jubelten Hunderte Litauer den deutschen Panzern zu. Alles, was bei der Bundeswehr nicht niet- und nagelfest ist, wird zur neuen Brigade verlegt. Baustellen gibt es genug: Die Verzögerung beim Flugabwehrsystem „Skyranger“ macht die Brigade verwundbar gegen russische Drohnen. „Ich baue darauf, dass unsere Industrie vielleicht schneller liefert, als es möglicherweise aussieht“, gesteht Huber ein. Bis dahin sollen „geheime Zwischentechnologien“ aushelfen. Nach BILD-Infos setzt die Truppe in Litauen etwa Schrotflinten zur Drohnenabwehr ein. Das Versprechen an die Litauer, bis Ende 2027 eine kampfbereite Brigade zu stellen, soll eingehalten werden – um jeden Preis.

„Wir sind hier nicht zum Brunnenbauen“

60 Kilometer weiter nördlich rollen deutsche Radpanzer durch den Wald von Rukla. Soldaten mit Tarnfarbe im Gesicht und Sturmgewehren im Anschlag springen aus dem Heck. Hinter einer Sanddüne gehen sie in Deckung, Schüsse knallen über den Übungsplatz. „Machen ordentlich Meter, die Jungs, da schlafen sie heute Abend gut“, grinst Oberstleutnant Sebastian Hagen. Er kommandiert die multinationale Kampfgruppe, die seit 2017 unter deutscher Führung in Litauen stationiert ist. Im Halbjahrestakt rotieren Kampfverbände an die Ostflanke, lernen Pflanzenkunde und üben das Gefecht gegen Russland. Die Nato simuliert den Kampf gezielt gegen russische Taktiken und russisches Gerät. Jeden Tag, in drückender Hitze und eisiger Kälte. „In diesem Gelände würden wir auch im Realfall verteidigen. Für meine Soldaten ist das sehr sinnstiftend hier, weil sich die Frage nach dem Auftrag gar nicht erst stellt“, sagt Afghanistan-Veteran Hagen. „Wir sind hier nicht zum Brunnenbauen, wir sind hier für die Bündnisverteidigung.“ Trotzdem hakt der Aufwuchs noch.

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Dicke Boni und steuerfreie Zigaretten

Vor allem bei den unteren Dienstgraden soll es langsamer laufen als geplant. Also bei denen, die im Ernstfall an der Front kämpfen. „Es gibt natürlich welche, wo es einfach nicht in die Lebenssituation passt: Meine Partnerin hat gerade einen neuen Job gefunden und so weiter“, sagt General Huber. Mit der Familie aus der Komfort- in die Gefahrenzone zu ziehen, ist für viele wenig attraktiv. Politiker bringen schon eine Verpflichtung ins Spiel. „Rein rechtlich wäre das möglich. An dem Punkt sind wir aber noch nicht. Wir sind sehr optimistisch, die Zahlen auf freiwilliger Basis zu erreichen“, so Kommandeur Hagen. Üppige Boni und steuerfreies Einkaufen (Stange Zigaretten 15 Euro; VW Golf ab 19.000 Euro) sollen Soldaten den Umzug versüßen. Generell: Gastgeber Litauen versetzt für die deutschen Beschützer Berge.

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Putin hetzt Litauer gegen uns auf

Einen Steinwurf entfernt von der belarussischen Grenze rattern Lkw, Bagger und Betonmischer zum Militärstützpunkt Rundinkai. In 20 Monaten sollen hier tausende deutsche Soldaten die Speerspitze gegen Putin bilden. An Litauen soll der Zeitplan nicht scheitern: Der riesige Komplex wird so brachial schnell hochgezogen, dass im Rest des Landes der Beton ausgeht. Wo sich früher sowjetische Partisanen in die Büsche schlugen, werden jetzt Straßen für deutsche Panzer in die Wälder gepflügt. Für den Bürgermeister der angrenzenden Gemeinde Baltoji Voke, Genadij Baranovic (60), ist die Stationierung der Bundeswehr ein historischer Glücksfall: „Schaut euch unser Dorf an! Straßen, Bürgersteige, Radwege, Gasleitungen – alles neu. Davon träumt jede andere Gemeinde nachts.“ Doch im Ort rumort es. Viele Ältere wurden in der Sowjetarmee indoktriniert, schauen nur russisches Propagandafernsehen. „Sie sind wütend und fragen: Wie könnt ihr uns den Deutschen auf dem Silbertablett präsentieren?“ In der Nähe des Stützpunktes brannte die Wehrmacht ein ganzes Dorf samt Einwohnern nieder, auch dort sei die Begeisterung entsprechend gering. Baranovic spricht selbst Russisch, sieht Putin aber als Gefahr für sein Land und will die Bundeswehr mit der Gemeinde verkumpeln: „Wir planen Sportfeste und suchen eine Partnerstadt in Deutschland, schreiben Sie das bitte!“

„Wir schlafen mit Kampfmontur am Bett“

Tatsächlich geht die Truppe schon auf Tuchfühlung: Erste Soldaten hätten ihm strahlend von Beziehungen mit Litauerinnen berichtet, grinst General Huber. Um Nato-Nachwuchs brauche man sich keine Sorgen zu machen. Kurz darauf heulen Flugabwehr-Sirenen durch die Straßen der Hauptstadt. Mehrmals im Jahr schaltet die Regierung Probealarm. Sie wissen: Putin lauert vor der Tür – und die schwarz-rot-goldene Schutzmacht soll dafür sorgen, dass er draußen bleibt. Ob die schon 2027 bereit ist? Für Kommandeur Hagen stellt sich die Frage nicht: „Wir schlafen schon jetzt mit Kampfmontur am Bett. Wir werden das Bündnis verteidigen, egal was wir haben und was nicht.“