Persönliche Reflexionen über die DDR-Zeit und die Folgen der Wende
Achim Tröger, der 39 Jahre in der DDR sozialisiert wurde, teilt seine tiefgreifenden Erfahrungen mit der Zeit vor und nach der Wende. In einem bewegenden Leserbrief beschreibt er, wie das überschaubare Sortiment in den Läden der DDR die Bedeutung von Westpaketen unterstrich. Diese Pakete von Brüdern und Schwestern aus dem Westen wurden sehnsüchtig erwartet und symbolisierten für viele die verlockende große, weite Welt.
Die historische Einmaligkeit der friedlichen Revolution
Tröger betont die einzigartige geschichtliche Konstellation, die zur Wende führte: „Die Schwäche der Supermacht UdSSR, politische Entwicklungen in Polen und der Wille vieler Menschen in der DDR nach einer grundlegenden Reformation des politischen Systems schufen jene Situation, die zur friedlichen Revolution und letztlich zum Beitritt der DDR zur BRD führte.“ Er hebt hervor, dass Helmut Kohl diese Chance zur Wiedervereinigung erkannte und mit Michail Gorbatschow einen Partner fand, der um das Überleben kämpfte.
Mit dem Zerfall der UdSSR und den 2+4-Verhandlungen entstand ein geografisch vereintes Deutschland, trotz Widerstände von Briten und Franzosen. Die Menschen in Mitteldeutschland sahen sich plötzlich großen gesellschaftlichen Herausforderungen gegenüber, denen sie mit Mut, Intelligenz und Disziplin begegneten. Als politischer Souverän artikulierten sie sich auf den Straßen und an Runden Tischen.
Westpakete als Symbol der Sehnsucht
In seiner Schilderung wird deutlich, wie sehr die DDR-Bürger auf den Duft der großen, weiten Welt warteten. Sie glaubten an die Versprechungen der Persil-Werbung und freuten sich über die Pakete aus dem Westen. Tröger weist jedoch kritisch darauf hin, dass aus westlicher Sicht die Ostdeutschen bis 1989 „auf Bäumen oder im Tal der Ahnungslosen“ gelebt hätten. Gleichzeitig betont er, dass der Osten seinen Wiederaufbau ohne Marshall-Plan selbst bewältigen musste.
Die Treuhand und ihre Folgen
Besonders prägend waren die Erfahrungen mit der Treuhandanstalt ab 1990. Tröger beschreibt diese als „flächendeckend betriebene Plünderung Mitteldeutschlands“, die einer Deindustrialisierung ganzer Regionen gleichkam. Paradoxerweise wurde dies zu einem perfekten Konjunkturprogramm für die alten Bundesländer, da potenzielle Konkurrenten beseitigt wurden.
Goldgräberstimmung herrschte, als sogenannte Aufbauhelfer aus dem Westen ins Land strömten und bis in die Gegenwart wirkende geschlossene Netzwerke in Wirtschaft, Politik, Justiz, Universitäten, Polizei und Medien installierten. Diese Netzwerke zielten laut Tröger einzig auf die Erhaltung ihrer Einflussmöglichkeiten ab.
Persönliche und gesellschaftliche Konsequenzen
Der 76-jährige Rentner resümiert: „Wer 1989 naiv genug war, der Persil-Werbung ebenso zu glauben wie dem Versprechen blühender Landschaften, wurde zweifelsfrei enttäuscht.“ Unabhängig von Bildung, Fleiß oder Engagement fanden sich viele schnell in Umschulungsmaßnahmen oder beim Arbeitsamt wieder.
Tröger betont jedoch, dass seine Familie durchgängig Glück hatte und von der sozialen Marktwirtschaft partizipieren konnte. Jene, die in ihrer Heimat blieben, machten prägende Erfahrungen, die ihnen einen unschätzbaren Vorteil verschafften: die Sozialisierung in zwei völlig verschiedenen Gesellschaftssystemen ermöglicht eine sensible Differenzierung von Fehlentwicklungen, die in keinem Seminar gelehrt werden kann.
Demokratie im Krisenmodus
Angesichts epochaler Herausforderungen fahren die Menschen in Mitteldeutschland heute ihr Sensorium aus, um zu sagen: „Wir wissen, wie es geht, wenn von politischen Eliten die Realität verdrängt oder negiert wird.“ Tröger kritisiert, dass sich diese Demokratie seit einigen Jahren nur noch als ausgesprochene Kompromisswirtschaft im Krisenmodus verstehe.
Dennoch ist er dankbar, in einer Demokratie zu leben, die vor den Mängeln anderer Herrschaftsformen schützt – wenn auch nicht vor den eigenen. Abschließend betont er die dringende Notwendigkeit, dieser Demokratie kritische Fragen zu stellen und Fehlentwicklungen zu benennen. Besonders in Sachsen sei diese kritische Haltung ausgeprägt, da den Menschen dort nachgesagt werde, sensibler, präziser und ingenieurmäßiger bei Fragen der Gerechtigkeit und Regelbefolgung zu sein.



