Lebendige Erinnerungen an die Wendezeit in Neustrelitz
Im historischen Borwinheim in Neustrelitz versammelten sich kürzlich Menschen unterschiedlicher Generationen, um im Rahmen eines besonderen Erzählcafés ihre persönlichen Erfahrungen während der politischen Wende von 1989 zu teilen. Die Veranstaltung, organisiert vom Verein Erinnerungsort Stasi-Haftanstalt Töpferstraße Neustrelitz, bot einen tiefen Einblick in die bewegten Monate des gesellschaftlichen Umbruchs.
Persönliche Geschichten von Repressalien und Widerstand
Unter den Hauptrednern befand sich Ingrid Sievers, die in der DDR-Zeit als Lehrerin arbeitete und zahlreiche Repressalien erlebte. „Ich musste anschließend beim Schulamt antreten“, berichtete Sievers über die Konsequenzen kirchlicher Handlungen wie der Taufe ihres Sohnes oder ihrer eigenen Trauung. Mehrfach wurden ihr Schulleiterposten angeboten, jedoch stets unter der Bedingung des SED-Eintritts und des Abbruchs von Kontakten zur Westverwandtschaft.
Ingrid Sievers brachte eine Kerze mit – ein symbolträchtiges Element der Wendezeit. Sie schilderte eindrücklich, wie sie und andere Bürger mit diesen Kerzen durch die Strelitzer Straße gingen, während alle fünf Meter ein Militärpolizist stand. Ihr Halt fand sie damals in der Kirche, die zum wichtigen Rückzugsort wurde.
Der Weg zum politischen Engagement
Christoph de Boor, der die Wende in Waren miterlebte und mitgestaltete, teilte ebenfalls seine bewegende Geschichte. Auch seine Familie hatte überlegt, die DDR zu verlassen, entschied sich jedoch bewusst für das „Hierbleiben“. „Wenn wir hierbleiben, müssen wir jetzt etwas tun“, lautete damals die Überzeugung. Interessanterweise war die Wiedervereinigung zu diesem Zeitpunkt noch gar kein Thema – es ging vielmehr um den Aufbau einer besseren, reformierten DDR.
De Boor erinnerte sich sichtlich bewegt an einen Kinderarzt, der am 31. Oktober 1989 in Waren die erste freie Rede nach 60 Jahren hielt. Diese friedliche Revolution sei etwas wahrhaft Unglaubliches gewesen, betonte der Zeitzeuge.
Junge Perspektiven auf die Wendezeit
Eine besondere Perspektive brachte Jaqueline Ploeg vom Mehrgenerationenhaus Neustrelitz ein. Als damalige Zwölftklässlerin schlich sie sich in die Kirche, wo Friedensgebete stattfanden. „Wir hatten Angst, erkannt zu werden“, gestand sie. Zu Hause wurde nur leise und bei geschlossenen Fenstern über Politisches gesprochen – umso erstaunter war die 18-Jährige über die Offenheit der Diskussionen in der Kirche.
Weitere persönliche Schicksale
Die leidenschaftlichen Berichte der Hauptredner inspirierten auch andere Gäste zum Erzählen. Christa Hensel, die in der Wendezeit als medizinisch-technische Assistentin am Hygieneinstitut in Neustrelitz arbeitete, schilderte die Folgen der politischen Veränderungen: Nach der Wende wurden Mitarbeiter entlassen, das Institut schließlich geschlossen. Sie selbst musste gehen und leistete bis zu ihrer Rente pflegerische Arbeiten.
Historischer Ort mit besonderer Bedeutung
Das Borwinheim erwies sich als bewusst gewählter Veranstaltungsort, wie Ingrid Sievers den Anwesenden mitteilte. Dort wurde nämlich der „Demokratische Aufbruch“ gegründet – eine bedeutende Bürgerbewegung der Wendezeit. Das Schulamt, bei dem Sievers damals regelmäßig antreten musste, befand sich übrigens direkt neben dem Stasigebäude in Neustrelitz.
Bildung und Erinnerung für die Zukunft
Ingrid Sievers äußerte kritisch, dass jungen Menschen heute nicht deutlich genug vermittelt werde, wie hart die Demokratie damals erkämpft wurde und dass sie nichts Selbstverständliches ist. Die Veranstaltung mit dem Thema „Aufbruch in die Demokratie 1989/90“ fand anlässlich des bundesweit ersten „Tags der Demokratiegeschichte“ statt und wurde in Kooperation mit dem Mehrgenerationenhaus Neustrelitz sowie mit Unterstützung der Diakonie Mecklenburgische Seenplatte durchgeführt.
Julia Reichheim vom Neustrelitzer Verein kann sich weitere Veranstaltungen dieser Art vorstellen – ein wichtiger Beitrag zur lebendigen Erinnerungskultur und zur Vermittlung demokratischer Werte an nachfolgende Generationen.



