Kriegsende in Vorpommern: Schicksal der Peenestädte im April 1945
Kriegsende in Vorpommern: Peenestädte 1945

Vor 81 Jahren neigte sich der Zweite Weltkrieg auch im beschaulichen Vorpommern seinem Ende zu. Aber gerade am Peenetal hielten in diesen letzten Tagen vor dem endgültigen Frieden Tod und Zerstörung Einzug. Während einige Städte in letzter Minute gerettet wurden, brachen über andere Feuer und Tod herein. Von der eigenen Armee bombardiert, dem Feind abgefackelt oder mutigen Menschen mit weißen Fahnen gerettet: Das Schicksal der Peenestädte am Kriegsende verlief sehr unterschiedlich.

Anklam und Tutow gerieten schon früher ins Visier

Dabei war die Region bis dahin weitgehend glimpflich davongekommen. Abgesehen von Anklam, das wegen seiner Arado-Flugzeugfabrik und des Stützpunktes der Luftwaffe 1943/44 dreimal von der United States Army Air Forces bombardiert wurde. Genau wie das zwischen Jarmen und Demmin gelegene Tutow, das erst Mitte der 1930er-Jahre als neuer Fliegerhorst entstanden war und von Februar bis Mai 1944 sogar viermal ins Visier alliierter Bomberverbände geriet. Wobei die Wohnsiedlung nahezu verschont blieb, es nur wenige Opfer gab.

Am 16. April startete der finale Angriff auf Berlin

Nun aber, im Frühjahr 1945, rückten die Ostfront und damit feindliche Bodentruppen immer näher. Denn am 16. April startete die Rote Armee von Brückenköpfen westlich der Oder ihre finale Großoffensive auf Berlin. Und schickte wenig später auch zur nördlichen Flankensicherung ihres Zangenangriffs auf die Reichshauptstadt die 2. Belorussische Front unter Marschall Konstantin Rokossowski nach Vorpommern und Mecklenburg. Rokossowski, einer der maßgeblichen Anführer beim Sieg von Stalingrad, hatte den Auftrag, bis nach Rostock, Wismar, Schwerin und an die Elbe vorzustoßen sowie die Ostseeinseln zu besetzen.

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Die durchaus noch zahlreichen, aber teils abgekämpften und unerfahrenen deutschen Truppen stellten für seine kampferprobten Soldaten kein großes Hindernis mehr dar. Zumal ihnen eine Übermacht an Schlachtfliegern, Panzern und Artillerie zur Verfügung stand. Nicht umsonst konnten sie schon am 26. April Stettin einnehmen. Und überwanden bald sämtliche folgenden Riegelstellungen, die die Verteidiger unter Ausnutzung der teils schwierigen Geländeverhältnisse schufen. Die letzte Verteidigungslinie dieser Art stellte das Uecker-Randow-Bruch dar. Aber bereits am 27. April gelang der Einmarsch in Pasewalk. Tags darauf rückte die Rote Armee entlang der Reichsstraße 109 bis etwa Neu Kosenow vor und weiter westlich nach Stretense/Pelsin – also in die Sichtweite von Anklam.

Einsatz sollte Isolierung von Usedom-Wollin verhindern

Am nächsten Morgen startete der Angriff auf die Peenestadt, die befestigt und von einigen Militäreinheiten gehalten wurde. Schließlich sollte der Feind dort möglichst lange gestoppt werden, um ein Abschneiden der auf Usedom-Wollin konzentrierten Truppen zu verhindern. Den auf breiter Front von Südosten und Süden vorstoßenden sowjetischen Einheiten gelang es allerdings, rasch den Flugplatz einzunehmen und noch am Vormittag die Peene zu erreichen. Ein Sprengversuch hatte die Straßenbrücke über den Fluss zwar beschädigt, so dass schwere Technik am Ufer warten musste. Doch Pioniere errichteten schnell eine Ponton-Querung.

Deutscher Artillerieangriff vernichtete die Nikolaikirche

Nordwestlich bei Ziethen stehende deutsche Artillerie versuchte das Übersetzen zu verhindern und nahm den Gegner auch innerhalb der Stadt unter Feuer. Was unter anderem zu Treffern in der bis dahin noch weitgehend unversehrten Nikolaikirche geführt haben soll. Das zu den prächtigsten Vorpommerns zählende Gotteshaus und vor allem sein Turm gerieten in Brand, die Glocken stürzten hinunter, die Spitze kippte in das Kirchenschiff. Von ihm blieben lediglich die Außenmauern und Pfeiler stehen.

Die eigene Luftwaffe sorgte für apokalyptische Zustände

Apokalyptische Züge nahm das Kriegsende für Anklam dann abends an, als die eigene Luftwaffe massive Bombenangriffe flog. Ein Vorgehen gegen eine deutsche Stadt, das es so wohl sonst nur in Eberswalde gegeben hat. Diesen Attacken, gepaart mit einigen Brandstiftungen, fielen weite Teile des historischen Ortskernes zum Opfer, die die alliierten Angriffe überstanden hatten. Darunter das nahe dem Bollwerk stehende Rathaus. Drei Tage dauerte es, bis das Gros der Flammen erlosch beziehungsweise gelöscht werden konnte, der Feuerschein und Rauch waren weithin sichtbar.

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Hunderte tote Zivilisten und Soldaten

Nicht nur baulich verursachten diese letzten Kriegstage in Anklam schwere Wunden. Hinzu kamen hunderte tote Zivilisten und Soldaten beider Seiten. Mitten in diesem Inferno wurde die bedingungslose Kapitulation Greifswalds ausgehandelt. Das eigentlich am 30. April, einem Sonntag, das nächste große Angriffsziel sein sollte. Kurz nach Mitternacht trafen Parlamentäre von dort bei Moeckow-Berg auf die sowjetischen Spitzen. Sie vereinbarten im Haus Nummer 3 an der Bluthsluster Straße in Anklam, wo der Stab von Generalmajor Semjon N. Borstschew Quartier bezogen hatte, die kampflose Übergabe.

Da waren die Sowjets längst nördlich der Peene flussaufwärts vorgedrungen und hatten mit Einbruch der Dunkelheit auch Gützkow erreicht. Allerdings lief die Einnahme nicht völlig widerstandslos: Ein fanatischer Feldwebel schoss am Ortseingang mit der Panzerfaust auf den ersten anrollenden Panzer, besetzt mit Infanterie. Mehr als ein Dutzend Rotarmisten trugen dabei Verletzungen davon, einer starb. Den Schützen richteten die Eroberer hin.

Jarmen ergab sich kampflos

Im benachbarten Jarmen hingegen rüsteten sich trotz Durchhaltebefehls und Panzersperren am nächsten Morgen mehrere mutige Einwohner mit weißen Fahnen beziehungsweise Bettlaken aus. Um sie zum Zeichen der Kapitulation in den Kirchturm zu hängen und sich mit ihnen an die Zufahrten zur Stadt zu stellen. Zwischen 8 Uhr und 8.30 Uhr tauchten erste kleine Reitertrupps auf der Chaussee von Gützkow auf, fast zeitgleich ebenso aus Richtung Völschow. Wenig später ritt ein sowjetischer Offizier die städtische Hauptstraße entlang, kurz darauf gefolgt von in Schützenreihe vorrückenden Fußsoldaten. Panzer hingegen bekamen die Jarmener an diesem Tag nicht zu sehen, die fuhren von Süden kommend an ihrem Ort vorbei gleich in Richtung Demmin weiter. Wo sich in den folgenden Tagen ein beispielloses Drama abspielen sollte.

Parlamentäre über den Haufen geschossen

Das nahm laut Augenzeugenberichten schon am östlichen Ortseingang seinen Anfang, wo Schützengräben ausgehoben waren. Und drei von den Sowjets ausgesandte Parlamentäre durch die Deutschen über den Haufen geschossen wurden. Aufhalten konnte das den Feind nur kurz, aber an der Tollense und der Peene kamen die Rotarmisten trotzdem nicht mehr weiter. Die Wehrmacht nämlich hatte bei ihrem Abzug tags zuvor hinter sich die Brücken sprengen lassen. Mit der Folge, dass sich zum einen niemand mehr gen Westen in Sicherheit bringen konnte. Zum anderen, dass sich Kriegsgerät und Truppen in den Straßen stauten – von kämpfenden Einheiten bis zum Tross. Verschärfte Auswirkungen zog diese Sackgassen-Konstellation nach sich, weil sie ausgerechnet auf den Vorabend des 1. Mai fiel, einen der größten Feiertage der Siegermacht. Denn der damit verbundene große Alkoholgenuss beförderte Übergriffe und Brandschatzungen.

Aus Demmin sind mehrere Attacken überliefert

Dass an mindestens zwei weiteren Stellen auf die in Demmin einrückenden Einheiten gefeuert worden sein soll, machte das Ganze nicht besser. Hinzu kommen Erzählungen von Vergiftungen bei Saufgelagen – entweder bewusst herbeigeführt oder aus Versehen durch die Getränkewahl. Es gibt keinen dokumentierten offiziellen Befehl als „Freibrief“, die Stadt abzufackeln. Aber es scheint, als wenn einige Straßenzüge wohl systematisch angezündet und Leute am Löschen gehindert wurden. So dass vor allem die zentrale Altstadt mehr als drei Tage in Flammen stand und viele ihrer Gebäude in Schutt und Asche endeten.

Psychose führte zu Massenselbstmord und Kindstötung

Mittendrin entwickelte sich eine Art Massenpsychose, der hunderte Menschen zum Opfer fielen. Manche Schätzungen gehen sogar von vierstelligen Zahlen aus. Erschossen, aufgehängt, vergiftet, die Pulsadern aufgeschnitten und vor allem in den Flüssen ertränkt: Historiker sprechen auf die Bevölkerungszahl gerechnet vom größten Massenselbstmord der deutschen Geschichte. Andere vom umfangreichsten Kindermord - vollzogen meist von den eigenen Müttern. Wochenlang trieben Leichen und Kleidungsstücke an den Ufern an, das Trauma überschattet Demmin bis heute.

Anruf im Pfarrhaus klärte die Fronten

Dass der Zweite Weltkrieg im unweit gelegenen Loitz glimpflicher ausging, ist wohl vor allem dem Mut und Ansehen des damaligen Superintendenten Carl Winter zu verdanken. Denn über sein Telefon im Pfarrhaus wurde mit dem sowjetischen Kommandeur die kampflose Übergabe vereinbart, als die Rote Armee am 30. April 1945 über Zeitlow-Berg am anderen Peeneufer auftauchte und ein paar Schüsse aus den Kanonen ihrer Panzer hinüber feuerte. Der Kirchenmann schaffte es nicht nur, die da noch im Rathaus sitzende Militäreinheit zum Abzug zu bewegen. Er wagte sich überdies mit einem öffentlichen Aufruf durch die Straßen, weiße Flaggen zu hissen. Am Ende kam seine Heimatstadt so mit wenigen und kleinen Gebäudeschäden davon, unter anderem am Kirchturm und Hafenspeicher.