Bundeswehr-Interview: „Niemand von uns will in den Krieg ziehen müssen“ – dennoch klare Abschreckung gefordert
Zeitenwende, Nato, Wehrpflicht und neue Aufgaben der Bundeswehr: der scheidende Kommandeur der Panzergrenadierbrigade 41, Ralf-Peter Hammerstein, und sein Nachfolger Karsten Krämer im Interview.
Neubrandenburg – Der Führungswechsel an der Spitze der Panzergrenadierbrigade 41 „Vorpommern“ ist vollzogen. Brigadegeneral Ralf-Peter Hammerstein übergab das Kommando an Oberst Karsten Krämer. Im Gespräch mit dem Nordkurier ziehen beide Bilanz und blicken nach vorne.
Abschied von Neubrandenburg: Hammerstein nimmt viel Positives mit
Nach zwei Jahren verlässt Hammerstein die Stadt. Er betont die herzliche Aufnahme: „Ich bin von der Stadt sehr gut aufgenommen worden. Neubrandenburg ist vielschichtig, eine überschaubare Stadt, die aber viel bietet, auch kulturell. Die Mentalität der Menschen mit ihrer wohltuenden Gelassenheit wird mir fehlen.“ Sein neuer Posten führt ihn als Kommandeur an die Offizierschule des Heeres nach Dresden, wo er seine praktischen Erfahrungen an den Führungsnachwuchs weitergeben will.
Krämer zurück in vertrauter Umgebung
Oberst Karsten Krämer kehrt nach 15 Jahren zur Brigade zurück. Er war bereits als Chef des Stabes in Torgelow tätig. „Ich freue mich, diese Truppenführungsaufgabe zu übernehmen. Ich kann hier nah mit den Soldaten zusammenarbeiten und das umsetzen, was ich zuletzt im Verteidigungsministerium mitkonzipiert habe.“
Aufgaben der Brigade: Litauen bleibt Schwerpunkt
Die Brigade bleibt in Litauen aktiv, um die Nato-Ostflanke zu sichern. Ausbildungsmissionen in Kamerun, der Mongolei oder Mexiko laufen perspektivisch aus. Hammerstein: „Litauen bleibt der Brigade als Auftrag erhalten. Wir werden weiter mit den litauischen Kameraden und anderen Nationen für Sicherheit sorgen.“
Standorte in MV: Aufwuchs geplant
Die Bundeswehr soll wachsen. „Der detaillierte Plan wird noch erwartet, aber klar ist schon, dass für das Heer und damit auch die Brigade Aufwuchs vorgesehen ist. Das wird sich auf die Standorte in Mecklenburg-Vorpommern auswirken“, so Hammerstein. Ein Musterungszentrum in Neubrandenburg soll noch dieses Jahr entstehen, jedoch nicht in der Kaserne.
Wehrpflicht: Diskussion um Ängste und Notwendigkeit
Die Wiedereinführung der Wehrpflicht sorgt für Proteste. Hammerstein zeigt Verständnis für Ängste, betont aber die Notwendigkeit: „Seit vier Jahren sehen wir eine Entwicklung, die für Ängste sorgt, seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine. Wir müssen die richtigen Maßnahmen treffen, um wehrfähig zu sein und Abschreckung zu gewährleisten. Das betrifft nicht nur 18-Jährige, sondern ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.“
Zur differenzierten Sichtweise in Ostdeutschland auf Russland und die Nato sagt Hammerstein: „Die Realität ist anders. Nicht Deutschland oder die Nato haben diesen Konflikt herbeigeführt, sondern Russland mit seinem brutalen Angriffskrieg. Wer in falscher Erinnerung an die deutsch-sowjetische Freundschaft schwelgt, sollte nicht die Augen vor dem echten Bild Russlands verschließen. Wenn wir kein Butscha auf deutschem Boden wollen, müssen wir verteidigungsfähig sein.“
Kriegseinsätze? „Niemand von uns will in den Krieg ziehen“
Krämer betont: „Alles, was diese Brigade tut, dient der Abschreckung. Wir wollen eine glaubhafte Wehrfähigkeit Deutschlands. Niemand von uns will in einen Krieg ziehen müssen. Ich wünsche mir, den Frieden zu erhalten. Aber um diesen zu gewährleisten, müssen wir so wehrtüchtig sein, dass niemand uns angreifen möchte.“
Nato: Einigkeit trotz Herausforderungen
Auf die Frage nach Spannungen innerhalb der Nato, etwa in Grönland, entgegnet Hammerstein: „Angst ist ein schlechter Ratgeber. Die Nato hat nach dem Ukraine-Überfall gut funktioniert. Die Rhetorik ist das eine, das Faktische etwas anderes. Die Nato wird ein verlässliches Bündnis bleiben, und die USA sind ein fester Bestandteil. Aber die Nato funktioniert nur, wenn alle Partner ihren Beitrag leisten. Deutschland ist dazu bereit.“
Krämer schließt Einsätze in Grönland oder im Iran aus: „Nein, weder noch.“
Bundeswehr: Vom Image der „Feierabendarmee“ zur Einsatzbereitschaft
Hammerstein verweist auf die Oderflut-Einsätze: „Die Bundeswehr hat gezeigt, dass sie uneingeschränkt helfen kann. Eine Armee, die durch Auftragstaktik und ein demokratisches Menschenbild geführt wird, funktioniert besser als eine, die Soldaten gängelt. Die Einsatzbereitschaft hängt nicht vom Stechschritt ab.“
Zur Kritik an veralteten Waffensystemen sagt er: „Deutschland hat die Bundeswehr vernachlässigt. Die Friedensdividende wurde nicht in die Armee investiert. Jetzt müssen wir das Geld in die Hand nehmen, um glaubwürdige Abschreckung zu erreichen. Manche alten Systeme leisten in der Ukraine noch gute Dienste.“
Sondervermögen: 500 Milliarden Euro für die Bundeswehr
Krämer berichtet von reger Bautätigkeit: „Es wird fleißig gebaut an allen Standorten. Die Brigade wird mit neuen Gefechtsfahrzeugen ausgestattet. Wir haben einen hohen Innovations-Nachholbedarf. Trotz des vielen Geldes braucht es Zeit. Wir unterstützen, dass es schneller geht.“
Mehr Präsenz: Manöver und Truppenbewegungen
Auf die Frage nach vermehrten Übungen antwortet Hammerstein: „Was wäre daran schlecht? Militärische Präsenz bedeutet Sicherheit, und Sicherheit bedeutet Freiheit. So wie ich es beruhigend finde, wenn Polizei auf der Straße ist. Wir werden nicht mit Panzern durch Neubrandenburg fahren. Die Bevölkerung muss nicht mit verstopften Straßen oder unerträglichem Lärm rechnen. Die Bundeswehr wird präsenter sein, vielleicht wieder mehr Soldaten auf Bahnhöfen.“



