Marcel Schulze liebt das zwanglose Leben in Thailand. Nach einer Reihe persönlicher und wirtschaftlicher Rückschläge hat der 36-Jährige einen radikalen Neuanfang gewagt: Er lebt heute in Jomtien, Thailand, 9000 Kilometer von seiner deutschen Heimat entfernt.
Emotionale Momente und familiäre Verluste
Während eines Gesprächs mit unserer Zeitung zum Thema Auswandern wurde es plötzlich emotional. Marcel Schulze sah sich auf der Online-Seite des Nordkurier ein Video an, in dem sein Großvater Helmut Siegfried Steuer von dem Tag erzählte, an dem seine Frau bei einem Autounfall starb und seine Tochter drei Monate später an Krebs. Das geschah 2004. Damals war Marcel Schulze 14 Jahre alt und hatte kurz zuvor schon die andere Großmutter verloren. „Dann starb auch noch mein Onkel, und am Ende hatte ich nur noch meinen Opa und meine kleine Schwester“, erzählte er, und seine Augen füllten sich mit Tränen.
Der Weg nach Thailand
Vor zwei Jahren zog sein Großvater in ein Pflegeheim in Prenzlau. Marcel Schulze lebte und arbeitete zunächst in Thüringen und Hamburg, gründete eine eigene Firma. 2018 folgte die zweite Firmengründung, die zunächst gut lief. Doch die Corona-Pandemie brachte viele Kundenverluste, und im Frühjahr 2020 musste er Insolvenz anmelden. In eine schwere Depression verfallen, verlor er 2023 jegliche Lust auf Deutschland und beschloss auszuwandern.
Seine erste Station war Spanien, wo er in einem Callcenter arbeitete und nebenbei ein Online-Business aufbaute. Nach einem Jahr zog es ihn nach Dubai, doch nach drei bis vier Monaten kehrte er nach Spanien zurück. Im Januar 2025 entschied er sich schließlich für Thailand. Ein Freund vermittelte ihm über einen Bekannten eine Wohnung in Jomtien, die dieser sonst nur für Urlaube nutzt. Im Mai 2025 zog Marcel Schulze endgültig nach Thailand.
Das Visum als größte Hürde
Seit seiner Auswanderung 2023 war Marcel Schulze nicht mehr in Deutschland; seit einem Streit hat er seinen Großvater nicht mehr gesehen. Er kann sich nicht vorstellen, zurückzukehren. „Auf gar keinen Fall. Ich will hier definitiv für immer bleiben. Gerade bereitet mir das Visum einige Schwierigkeiten. Die Visa sind hier immer die größte Hürde. Aktuell habe ich ein Education-Visum: Ich gehe hier zur Schule und lerne unter anderem Thailändisch. Sobald ich alles geklärt habe, beantrage ich ein Visum, mit dem man fünf Jahre bleiben darf. Aber ich möchte hier für immer bleiben.“
Leben mit geringen Kosten
Seine Wohnung in Jomtien ist eine zweietagige Wohnung mit Wohnzimmer, Schlafzimmer, Badezimmer und kleiner Küche. Die Miete beträgt nur 300 Euro im Monat. Wasser kostet etwa fünf Euro, Strom 60 Euro – vor allem wegen der beiden rund um die Uhr laufenden Klimaanlagen. Marcel Schulze kocht selten, denn die lokalen Restaurants bieten günstige Mahlzeiten. „Für eine gute, sättigende Mahlzeit zahlt man ungefähr 1,60 Euro: Reis, Hähnchen, Soße und in kleinen Restaurants sogar kostenloses Wasser. Mit 1500 Euro im Monat lebt man hier richtig gut. Man kann sich eine Wohnung am Meer leisten und genießt gefühlt jeden Tag Sonnenschein“, schwärmt er.
Die thailändische Lebensart
Besonders beeindruckt ist Marcel Schulze von der Freundlichkeit der Menschen. „Thais sind von Natur aus super happy, super offen, super freundlich und zuvorkommend. Ich habe hier noch nie erlebt, dass jemand mir gegenüber ein Gesicht verzogen hat oder schlecht gelaunt war. Man muss allerdings mit dem Klima klarkommen. Es ist wirklich warm und auch teilweise sehr, sehr schwül durchgehend. Aber auch da gewöhnt man sich dran.“
Sprache und Integration
Marcel Schulze legt Wert darauf, die Landessprache zu lernen. Er ist oft mit Thais unterwegs, weil ihn ihre Kultur und ihr Leben interessieren. „Ich kann nicht als Deutscher in meinem eigenen Land sitzen und von allen fordern, sie sollen unsere Sprache lernen, aber wenn ich ins Ausland gehe, halte ich mich nicht daran. Das wäre für mich Doppelmoral.“
Online-Business als Einkommensquelle
Der Single finanziert sein Leben mit seinem Online-Business, bei dem er digitale Produkte vertreibt und unter anderem erklärt, wie man online Geld verdient oder YouTube-Kanäle aufbaut. Auf seiner YouTube-Seite „Erfolg unter Palmen“ folgen ihm 10.000 User. Sein Rat an Auswanderungswillige: „Denkt an die Zeitverschiebung: Thailand liegt fünf Stunden voraus. Deshalb funktioniert ein Remote-Job oft nicht. Außerdem benötigt man in Thailand eine Arbeitserlaubnis. Ich empfehle ein Online-Business, das weitgehend unabhängig von Ort und Zeit läuft. Das könnt ihr schon aufbauen, bevor ihr auswandert.“



