Riesen-Rechenzentrum in Ostdeutschland: Anwohner wehren sich gegen Pläne
Rechenzentrum in Ostdeutschland: Anwohner protestieren

In der 800-Seelen-Gemeinde Freyenstein im Landkreis Ostprignitz-Ruppin wächst der Widerstand gegen die Pläne für einen großen Rechenzentrumscampus am südlichen Ortsrand. Zwei Unternehmen, die NOYA-Generalplanung und Projektmanagement GmbH aus Frankfurt am Main und die Serban DC aus München, planen dort eines der größten Rechenzentren Europas. Das Vorhaben umfasst eine Gesamtfläche von 144 Hektar, etwa 200 Fußballfelder, von denen rund 60 Hektar bebaut werden sollen. Zwischen den Gebäuden und dem Ort ist eine Pufferzone von etwa einem Kilometer vorgesehen.

Hintergründe der Planungen

Hinter beiden Firmen stehen offenbar dieselben Personen, die ein komplexes Unternehmensgeflecht aufgebaut haben. Geschäftsführer Serdal Güzel nennt zwei Hauptgründe für den Standort: verfügbare Flächen und die Nähe zur 380-Kilovolt-Leitung. Entlang der Landesstraße 14 zwischen Freyenstein und Neu Cölln könnten bis zu 20 Gebäude mit einer Höhe von jeweils etwa 27 Metern entstehen. Geplant sind Server, Datenleitungen und Kühltechnik in hoher Dichte.

Investitionen und Arbeitsplätze

Die Entwickler verweisen auf die Rechenzentrumsstrategie der Bundesregierung, die im März beschlossen wurde. Sie soll die Digitalisierung voranbringen und den Ausbau von Rechenzentren beschleunigen. Nach Angaben der Projektentwickler könnten durch den Campus rund 1200 Arbeitsplätze entstehen, vom Hausmeister über Sicherheitsdienste bis zu IT-Fachkräften. Das Investitionsvolumen beziffern sie auf etwa 25 Milliarden Euro: rund 9 Milliarden für den Bau, weitere 16 Milliarden für technische Ausstattung wie Server und Datenleitungen. Ein eigenes Umspannwerk ist vorgesehen, um mehr als ein Gigawatt Strombedarf zu decken.

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Stromversorgung noch ungeklärt

Die Stromversorgung ist jedoch offen. Noch ist unklar, ob ein Anschluss an die 380-Kilovolt-Leitung möglich ist. Vorgespräche mit dem Netzbetreiber 50 Hertz und Analysen deuteten auf freie Kapazitäten hin, sagt Güzel, Gespräche mit dem Energieversorger stünden aus. Bereits zuvor scheiterte ein ähnliches Vorhaben im „Temnitzpark 2.0“ bei Neuruppin an der A24, weil nicht genügend Strom verfügbar war.

Anwohner protestieren

In Freyenstein äußern viele Anwohner Sorgen. „Wir wollen unsere Heimat erhalten: Natur, Straßen, Häuser, Ruhe, Platz und Geschichte“, sagt Stefan Finke, der seit 40 Jahren in dem Ort lebt, in der Feuerwehr aktiv ist und als Sprecher der Bürgerinitiative fungiert. Der Ort sei bereits von rund 50 Windrädern umgeben, eine Biogasanlage verursache Lärm, Photovoltaikflächen prägten die Umgebung. „Jetzt soll hier ein Industriestandort entstehen? Wir sagen nein.“

Sicherheitsbedenken

In einer Fragerunde ging es um Gewerbesteuer, Nutzung von Abwärme, Auswirkungen auf Natur und Umwelt sowie Sicherheit. Stefan Finke sprach von „Dateninformationen als dem neuen Öl“ und fragte, ob der Ort zum Ziel werden könnte und militärische Schutzmaßnahmen nach sich zöge. Ein Anwohner kritisierte die Wasserfrage: Sein Brunnen liefere schon jetzt kaum Wasser. Jörg Möller, Berater der Entwickler, entgegnete, moderne Rechenzentren hätten keinen hohen Wasserbedarf. Früher seien in den USA Kühltürme mit Wasser genutzt worden. In Deutschland arbeite man mit Luftkühlung in Ringsystemen, die einmalig befüllt würden. Heute werde häufiger auf sogenanntes Liquid-Cooling gesetzt, bei dem Chips direkt auf den Platinen mit Öl gekühlt würden. Die Abwärme könne für die Wärmeversorgung umliegender Orte genutzt werden, so die Entwickler.

Kritik der Anwohner

Viele Freyensteiner überzeugt das nicht. Sie kritisieren die weitere Flächenversiegelung, Lärm und Dreck durch die Bautätigkeiten und die Überlastung der ohnehin bereits maroden Straße durch den Ort. Ortsvorsteherin Christa Ziegenbein will schauen, was für ihre Kommune herauszuholen sei. Es fehle an Geld, Einnahmen könnten helfen, „aber nicht um jeden Preis“. In der bisher publizierten Form hält sie das Projekt für überdimensioniert.

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Stadt Wittstock zeigt sich interessiert

„Von einer möglichen Ansiedelung eines Rechenzentrums würde nicht nur unsere Stadt mit ihren 18 Orts- und sieben Gemeindeteilen profitieren, sondern die gesamte Region“, heißt es auf Nachfrage der Redaktion in einer Stellungnahme der Stadt Wittstock/Dosse, zu der Freyenstein gehört. „Die Aussicht auf Investitionen und Arbeitsplätze sowie die damit verbundenen finanziellen, wirtschaftlichen und demografischen Verbesserungen wären für uns als Kleinstadt im ländlichen Raum natürlich sehr interessant.“ Mit einer möglichen Aufstellung eines B-Planes sei man als Stadt beteiligt und werde etwaige auftauchende Nachteile möglichst verhindern.

Ausblick

Die Entwickler wollen das Vorhaben weiter verfolgen. Es wäre ein Bebauungsplanverfahren nötig, an dem die Öffentlichkeit erneut beteiligt würde. Läuft alles nach Plan, könnten Ende 2029 oder Anfang 2030 die ersten Bauarbeiten starten. Die Bürgerinitiative kündigt an, weiter mobil zu machen und den Bau zu verhindern. „Wir sind nicht gegen Fortschritt, aber Freyenstein ist der falsche Ort“, sagt Sprecher Finke. Eine entsprechende Online-Petition hat bisher rund 1200 Unterschriften gesammelt.