Vom Fernsehstar zum Kommunalpolitiker: Erwin Aljukics ungewöhnlicher Weg
Elf Jahre lang war Erwin Aljukic als EDV-Techniker Frederik Neuhaus in der ARD-Vorabendserie Marienhof täglich im Fernsehen zu sehen. Seit 2020 begeistert der 48-Jährige an den Münchner Kammerspielen das Theaterpublikum. Jetzt will der Schauspieler einen neuen Lebensabschnitt beginnen und für Die Linke in den Münchner Stadtrat einziehen.
Ein zweites Zuhause hinter der Bühne
Seine Garderobe in den Münchner Kammerspielen ist für Aljukic mehr als nur ein Arbeitsplatz. Das schmale Holzbett, der Teller in der Spüle und die Toi, toi, toi-Postkarten an seinem Spiegel zeugen von einem Leben, das sich zwischen Proben, Premieren und persönlichen Herausforderungen abspielt. Aljukic, der mit 1,14 Meter Körpergröße an Glasknochenkrankheit lebt und im Rollstuhl sitzt, spielt an den Kammerspielen den Parasiten des Hauses in Shakespeares Was ihr wollt.
Doch auf der Bühne zeigt sich: Dieser Mann ist weit mehr als seine Behinderung. In einer zärtlichen Tanzszene mit einem anderen Mann wird deutlich, dass hier ein Künstler agiert, der Stereotype durchbricht und das Publikum in seinen Bann zieht.
Eine Leerstelle im Stadtrat
Derzeit sitzt kein einziger Mensch im Rollstuhl im Münchner Stadtrat – eine Lücke, die Aljukic schließen möchte. Auf Platz acht der Liste von Die Linke kandidiert er bei der anstehenden Kommunalwahl. Während 2020 drei Linken-Politiker in den Stadtrat einzogen, könnten es bei dieser Wahl sechs bis acht werden, sollte die Partei ihr Bundestagswahlergebnis von 8,9 Prozent wiederholen.
Aljukic könnte dabei noch einige Plätze gutmachen, denn viele Münchner kennen ihn noch aus seiner Fernsehzeit. Ich habe die Sicht der Gesellschaft verändert, sagt er über seine Rolle im Marienhof, als Ende der 90er Jahre kaum Menschen mit Behinderung im Fernsehen zu sehen waren.
Viele Identitäten, eine Mission
Es geht mir lange nicht nur um Inklusion, betont der 48-Jährige. Ich bin ein Mensch mit unterschiedlichen Identitäten. In Ulm geboren, stammen seine muslimischen Eltern aus Bosnien und kamen als Gastarbeiter nach Deutschland. Ohne Kontakte oder Netzwerke schaffte Aljukic dennoch den Sprung zum Fernsehstar.
In der Kantine der Münchner Kammerspiele erzählt er seine Geschichte, während ein Kräutertee und ein Mandarinenkuchen vor ihm stehen. Ich musste in meinem Leben oft große Ängste überwinden und viel kämpfen, sagt er. Eine Schauspielschule zu besuchen, war für ihn damals undenkbar – nicht nur wegen fehlender Barrierefreiheit, sondern auch wegen fest im Lehrplan verankerter Fächer wie Fechten.
München als Befreiung
Mit 22 Jahren zog Aljukic von Ulm nach München, um sein Fachabi zu machen, und zog in eine Wohngruppe der Pfennigparade. München war für mich das Paradies, erinnert er sich. Während er in Ulm nirgendwo alleine über die Straße gehen konnte und stets auf seine Mutter oder ein Taxi angewiesen war, ermöglichte ihm München erstmals selbstständige Mobilität. Das war so eine Befreiung – wie ein Sprung vom Zehn-Meter-Brett.
Genau zu dieser Zeit suchten die Marienhof-Produzenten nach einem Schauspieler mit sichtbarer Behinderung. Ein Anruf bei der Pfennigparade und die Erinnerung einer Sekretärin an Aljukics Theater-AG-Mitgliedschaft ebneten den Weg zu seiner Fernsehkarriere.
Von der Existenzangst zurück auf die Bühne
Nach elf Jahren täglicher Fernsehpräsenz endete die Serie am 15. Juni 2011 abrupt. Für Aljukic folgten vier schreckliche, von Existenzangst geprägte Jahre, in denen er durch Europa reiste und versuchte, als Tänzer Fuß zu fassen. Die Wende kam, als ein Schauspiel-Direktor in Darmstadt ein Tanzvideo von ihm sah und ihn engagierte. Seit 2020 ist er festes Ensemblemitglied der Münchner Kammerspiele.
Politik mit Herz und Perspektive
Mein Beruf ist Schauspieler, betont Aljukic. Ich bin kein Berufspolitiker, aber ich weiß, wo die Probleme in dieser Stadt liegen. Ich kann die Stadt von unten her denken – etwas, das den meisten Politikern im Rathaus fehlt. Er bringe die Perspektiven von Menschen mit Einschränkungen, Künstlern, Migranten und der queeren Community ein, da er selbst homosexuell ist.
Bei der Linken ist Aljukic erst seit August aktiv. Linken-Chef Stefan Jagel erklärt, seine Co-Vorsitzende habe Aljukic eingeladen, nachdem sie gehört hatte, dass er der Partei nahestehe. Erwin hat das Herz am rechten Fleck und passt deshalb gut in unsere Partei, so Jagel.
Der Wahlkampf gestaltet sich für Aljukic allerdings herausfordernd, denn parallel laufen an den Kammerspielen die Proben für sein neues Stück Meister und Margarita. Die Premiere findet am 6. März statt – nur zwei Tage vor der Kommunalwahl.



