Vom Fernsehstar zum Politiker: Erwin Aljukics Weg in den Stadtrat
Elf Jahre lang war Erwin Aljukic als EDV-Techniker Frederik Neuhaus in der ARD-Vorabendserie Marienhof zu sehen und prägte damit das deutsche Fernsehen. Seit 2020 begeistert der Schauspieler an den Münchner Kammerspielen das Publikum. Jetzt will der 48-Jährige einen neuen Weg einschlagen: Bei der anstehenden Kommunalwahl kandidiert er für Die Linke und strebt einen Sitz im Münchner Stadtrat an. Ein Mensch, der im Rollstuhl sitzt, ist in diesem Gremium derzeit nicht vertreten – eine Lücke, die Aljukic schließen möchte.
Ein Künstler mit vielfältigen Identitäten
In seiner Garderobe an den Münchner Kammerspielen, die er als zweites Zuhause bezeichnet, erzählt Aljukic von seinem bewegten Leben. Der Schauspieler ist 1,14 Meter groß, leidet an der Glasknochenkrankheit und nutzt einen Rollstuhl. „Ich bin ein Mensch mit unterschiedlichen Identitäten“, betont er. Geboren in Ulm als Kind bosnischer Gastarbeiter, muslimisch geprägt und homosexuell – Aljukic vereint Perspektiven, die in der Politik oft unterrepräsentiert sind.
Seine Karriere begann unter schwierigen Bedingungen. Eine Schauspielschule blieb ihm verwehrt, da die Gebäude nicht barrierefrei waren und der Lehrplan Fechten vorsah. „Die Strukturen hätten sich anpassen müssen“, erklärt Aljukic. Stattdessen zog er mit 22 Jahren nach München, wo er erstmals alleine mobil sein konnte. „Das war so eine Befreiung“, erinnert er sich.
Der Durchbruch im Fernsehen und die Rückkehr zur Bühne
Der Zufall führte ihn zum Fernsehen: Die Produzenten von Marienhof suchten einen Schauspieler mit sichtbarer Behinderung und wurden über die Pfennigparade auf Aljukic aufmerksam. Ohne Kameraerfahrung sprang er ins kalte Wasser. „Wie ein Sprung vom Zehn-Meter-Brett, ohne dass man schwimmen kann“, beschreibt er diese Zeit. Elf Jahre lang war er täglich im TV zu sehen und veränderte damit die gesellschaftliche Wahrnehmung von Menschen mit Behinderungen.
Nach dem Ende der Serie 2011 folgten vier schwierige Jahre mit Existenzängsten, bevor ein Tanzvideo ihm ein Engagement in Darmstadt und schließlich 2020 den Weg an die Münchner Kammerspiele ebnete. Dort zeigt er in Inszenierungen wie Was ihr wollt sein künstlerisches Potenzial jenseits des Rollstuhls.
Politisches Engagement mit Herz und Verstand
Bei der Linken ist Aljukic seit August aktiv. Partei-Chef Stefan Jagel lobt ihn: „Erwin hat das Herz am rechten Fleck und passt gut in unsere Partei.“ Aljukic selbst betont, dass er kein Berufspolitiker sei, aber die Probleme der Stadt kenne. „Ich kann die Stadt von unten her denken“, sagt er und verweist auf seine Erfahrungen als Mensch mit Behinderung, Künstler, Migrant und Mitglied der queeren Community.
Konkrete Projekte nennt er noch nicht, doch seine Kandidatur auf Platz acht der Liste könnte erfolgreich sein. Wiederholt Die Linke ihr Bundestagswahlergebnis von 8,9 Prozent, könnten sechs bis acht Stadträte einziehen. Aljukics Wahlkampf gestaltet sich jedoch herausfordernd, da parallel die Proben für sein neues Stück Meister und Margarita laufen, dessen Premiere zwei Tage vor der Kommunalwahl stattfindet.
Sein Antrieb bleibt klar: „Ich musste in meinem Leben oft große Ängste überwinden und viel kämpfen“. Jetzt will er diesen Kampfgeist in die Politik tragen und für mehr Inklusion und Vielfalt im Stadtrat sorgen.



