Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter im Kreuzfeuer des Stadtrats
Ein politischer Mittwoch in München entwickelt sich zu einem denkwürdigen Tag für Oberbürgermeister Dieter Reiter von der SPD. Die Debatte um seinen umstrittenen Sitz im Aufsichtsrat des FC Bayern bringt den Stadtrat in Aufruhr und stellt Reiter vor erhebliche Erklärungsnöte. Am Morgen weist er alle Vorwürfe von sich und betont, er sei noch gar kein offizielles Mitglied. Doch im Laufe des Tages werden die Belege erdrückend, und Reiter muss schließlich zugeben, bereits gewählt worden zu sein.
Die ersten Stunden: Reiters Verteidigung und wachsende Zweifel
Gegen halb neun Uhr morgens gleitet der Dienstwagen von OB Dieter Reiter mit aufgeschraubtem Blaulicht durch das Schlachthofviertel in Richtung Innenstadt. Damit ist klar: Reiter nimmt an der Stadtratssitzung teil, in der es um seinen Aufsichtsratsposten beim FC Bayern gehen soll. In den Tagen zuvor hatten Stadträte spekuliert, ob er der Sitzung fernbleiben könnte. Die Fragen häufen sich: Hätte Reiter den Stadtrat über seine Annahme des Postens informieren müssen? Besteht ein Interessenskonflikt zwischen seinem Amt als Oberbürgermeister und der Position beim Fußballverein? Und wie hoch sind die Nebeneinkünfte, die er aus dieser Tätigkeit bezieht?
Ohne Zustimmung des Stadtrats sind für einen Oberbürgermeister nur 10.000 Euro im Jahr genehmigungsfrei erlaubt. Reiters Büro beantwortet konkrete Nachfragen nicht, während Reiter selbst im Bayerischen Rundfunk argumentiert, er sehe keinen Interessenskonflikt und nehme das Amt als Privatmann wahr. Doch die Bezüge im Aufsichtsrat des FC Bayern liegen deutlich höher. Beispielsweise erhielt der ehemalige Audi-Chef Markus Duesmann im Jahr 2022 satte 99.860 Euro – ein Betrag, der die erlaubte Grenze bei weitem überschreitet.
Die Stadtratssitzung: Anträge und Vertagung
Die vielen offenen Fragen veranlassen Die Linke und die ÖDP, der Sache auf den Grund zu gehen. Sie stellen mehrere Dringlichkeitsanträge, um am Mittwoch Klarheit zu schaffen. Doch weder die Rechtsabteilung des Rathauses noch eine Mehrheit des Stadtrats sehen einen Anlass für eine sofortige Behandlung. Nur die Grünen mit Volt und Rosa Liste, die ÖDP und München Liste, Die Linke und Die Partei sowie die AfD stimmen dafür, über die Anträge zu diskutieren. Da dies nicht für eine Mehrheit reicht, wird das Thema erst nach der Kommunalwahl im Stadtrat behandelt.
Reiter verteidigt sich am Morgen mit dem Argument, die Rechtsabteilung habe bereits gebeten, offene Fragen zu klären. „Dafür sind noch Informationen bei der AG einzuholen“, erklärt er. Noch seien „nicht mal die Hälfte“ der Unterlagen beisammen. Und: „Ich kann nicht sagen, wie hoch die Vergütung ist. Das war nicht meine erste Frage.“ In erster Linie sei er „froh und stolz beim größten Sportverein der Welt einen solchen Posten“ angetragen zu bekommen. Reiter betont auch, er sei derzeit nicht im Handelsregister eingetragen und habe an der ersten Sitzung nur als Gast teilgenommen, ohne Vergütung zu erhalten.
Die Wende: Dokumente belegen Reiters Mitgliedschaft
Linken-Chef Stefan Jagel ist überzeugt, dass diese Darstellung nicht stimmt. In der Sitzung präsentiert er ein Dokument mit der Überschrift „Liste des Aufsichtsrats“, auf dem auch Dieter Reiters Name steht. Das Dokument ist auf den 23. Februar datiert und vom Vorstand des FC Bayern unterschrieben. Reiter behauptet, es handele sich lediglich um eine Teilnehmerliste der ersten Sitzung. Doch eine Bekanntmachung auf dem Registerportal verrät, dass dem Amtsgericht München eine neue Liste der Aufsichtsratsmitglieder übermittelt wurde. Das Münchner Amtsgericht bestätigt am Mittag, dass es sich genau um diese Liste handelt, auf der Reiters Name in einer Reihe mit acht anderen Aufsichtsratsmitgliedern steht.
Laut Satzung des FC Bayern müssen alle Mitglieder des Aufsichtsrates von der Hauptversammlung gewählt werden. Eine erneute Anfrage der AZ, ob Dieter Reiter bereits Aufsichtsratsmitglied ist, lässt der FC Bayern unbeantwortet. CSU-Fraktionschef Manuel Pretzl erklärt das Abstimmungsverhalten seiner Partei damit, dass der Stadtrat noch kaum etwas Offizielles wisse. „Natürlich hätte man vier Tage vor der Wahl ein großes Bohei machen können“, sagt Pretzl. Allerdings sitze man nächste Woche wieder zusammen. „Ich glaube, dass eine Auseinandersetzung auf Basis von Mutmaßungen nur Parteien nützt, die wir hier alle nicht in größerer Stärke haben wollen.“
Die Reaktionen: Kritik und schließlich Eingeständnis
Die FDPlerin Gabriele Neff argumentiert ähnlich, während SPD-Chefin Anne Hübner sich bei Manuel Pretzl für sein Verhalten bedankt. Die Grünen äußern sich in dieser Sitzung gar nicht. ÖDP-Chef Tobias Ruff kritisiert Reiters Verhalten scharf. Er hätte „tagelang Zeit gehabt, dieses Thema vom Tisch zu räumen“ und den „Stadtrat ernst zu nehmen“. Passiert sei jedoch genau das Gegenteil. Ruff schreibt nach der Sitzung: „Wird der Sonnenkönig jetzt zum Pinocchio?“ Und: „Er hat heute alle belogen und behauptet, er sei nur als Gast bei der Aufsichtsratssitzung der FC Bayern AG dabei gewesen.“ Doch der FC Bayern hat ihn beim Amtsgericht bereits als Aufsichtsratsmitglied benannt.
Linken-Chef Jagel erinnert daran: „Jeder Müllmann muss 50 Euro zu Weihnachten angeben. Das kann doch niemand nachvollziehen, warum das für einen Oberbürgermeister nicht gelten soll.“ Am Nachmittag folgt der große Wumms: Der Druck auf Reiter wird offenbar zu groß. Über seine Pressestelle lässt er ein Statement verschicken: „Den Vorwurf der Lüge weise ich aufs Schärfste zurück!“ steht dort dick gefettet. Doch in den folgenden Zeilen gibt Reiter doch zu, bereits Mitglied des Aufsichtsrats zu sein. „Ich habe vom FC Bayern gestern die Auskunft erhalten, dass das Protokoll der Hauptversammlung zu meiner Wahl als Aufsichtsratsmitglied noch nicht beim Registergericht eingereicht wurde“, heißt es in dem Statement.
Das Fazit: Eine vertagte Debatte und offene Fragen
Reiter wurde also bereits in den Aufsichtsrat gewählt – bevor der Stadtrat damit befasst wurde. Er betont, erst am Mittwochvormittag seitens des FC Bayern erfahren zu haben, dass das zuständige Notariat die neue Aufsichtsratsliste veröffentlicht hat. „Ich bedaure, dass mir der aktuellste Stand zu Beginn der Vollversammlung nicht vorlag“, so Reiter weiter. „Vorwürfe, ich hätte wissentlich die Unwahrheit gesagt, weise ich deshalb mit aller Schärfe zurück!“ Sollte für diese erste Sitzung eine Vergütung bezahlt werden, werde er diese selbstverständlich nicht annehmen, versichert Reiter. Vor der nächsten Sitzung werde er den Stadtrat im Detail damit befassen. Allerdings folgt die Debatte dazu erst in Wochen – also nach der Kommunalwahl. Die offenen Fragen bleiben, und die politische Spannung in München hält an.



