Nach 300 Tagen im Amt zog Oberbürgermeister Nico Klose im Latücht-Kino eine Zwischenbilanz. Vor rund 65 Gästen und einer Live-Kamera stellte er sich den Fragen von Nordkurier-Redakteur Jörg Franze. Dabei erklärte er seine vermeintliche Unsichtbarkeit und kündigte teure Investitionen in eine neue Schwimmhalle an.
Keine Notwendigkeit für den Joker
Drei Spielkarten – Joker – lagen vor Klose auf dem Tisch, eine pro Frage, die er nicht beantworten wollte. Doch zweieinhalb Stunden lang blieben sie ungenutzt. Der parteilose Oberbürgermeister betonte, dass er bei Amtsantritt eine professionell arbeitende Verwaltung vorgefunden habe. „Ins Gebet nehmen musste ich niemanden“, sagte er. Seine Schwerpunkte seien die Durchleuchtung interner Prozesse und eine konkretere Sprache der Verwaltung gewesen. Seit Januar läuft das Front-Office-Projekt, das rund 80 Prozent der Standardfälle wie Personalausweise oder Zulassungen an einer Anlaufstelle bündeln soll.
Kritik abgeprallt
Auf die Kritik, er mache nichts und mache deshalb nichts verkehrt, reagierte Klose gelassen: „Wer nichts macht, macht auch nichts verkehrt – dieser Satz trifft mich nicht.“ Er habe nicht den Anspruch, sichtbar zu sein, sondern präsent. Ruhe sei für die Kommunalpolitik gesund. Seinen Instagram-Account betreibe er selbst, die Stadt habe eigene Kanäle.
Gespräche mit Fraktionen – außer AfD
Mit allen Fraktionen der Stadtvertretung außer der AfD habe er gesprochen, mit einigen sogar zwei- oder dreimal. Mit der AfD sei eine Terminfindung gestartet und dann abgebrochen worden. Dennoch gebe es auch dort, wo politisch keine Einigkeit herrsche, eine vernünftige Kommunikation. Die Stadt habe nach den vergangenen Jahren eine Bruchkante gebraucht, hinter die niemand mehr zurückwolle.
Schwimmhalle: Teurer Neubau mit Richtungsentscheidung
Das größte Bauprojekt der nächsten Jahre ist der Schwimmhallenneubau. Die Planungsphase 3 ergab Kosten zwischen 27 und 33 Millionen Euro. Die Verwaltung schlägt eine Richtungsentscheidung vor: weg vom ursprünglichen Beschluss der Stadtvertretung, hin zu einer 50-Meter-Bahn, die sich technisch trennen lässt. Im Bau sei das rund fünf Millionen Euro günstiger, im Betrieb jedoch etwas teurer. Der Begleitausschuss habe bereits zugestimmt, die Vorlage geht in die nächste Sitzung der Stadtvertretung. Selbst nach Abzug aller Fördermittel bleibt ein Eigenanteil von rund 25 Millionen Euro – voraussichtlich kreditfinanziert. Ob Neubrandenburg 2027 in das Haushaltssicherungskonzept rutscht, ist offen.
Sparvorgaben von zehn Prozent
Auch der laufende Haushalt drückt: Elf Millionen Euro weniger Schlüsselzuweisungen als im Vorjahr, eine Kreisumlage von rund 50 Millionen Euro und steigende Personalaufwendungen durch Tariferhöhungen. Im Juni starten die Planungen für 2027. Allen Fachbereichen wurde eine Sparvorgabe von zehn Prozent gesetzt. Auf die Frage, ob die Stadt sich die Schwimmhalle leisten könne, antwortete Klose: „Ich will diesen Satz nicht ausschließen, hoffe aber, ihn nicht sagen zu müssen.“
Lobbyist für Neubrandenburg
Beim Werben für Fördermittel höre man ihm in Schwerin durchaus zu, sagte Klose. Auch Gespräche mit Philipp Amthor, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesdigitalministerium, zu einem Sportstättenantrag seien gut verlaufen. Doch das strukturelle Problem ändere auch ein engagierter Bundestagsabgeordneter nicht: Die Aufmerksamkeit der Landesregierung liege bei den Küstenstädten. Diesen Eindruck teilten auch die Menschen in der Stadt. Es sei seine Aufgabe als Lobbyist für Neubrandenburg, dies immer wieder einzufordern.
Kleine große Themen aus dem Publikum
Aus dem Publikum kamen Fragen zu Radfahrern auf der Turmstraße, Leerstand in Centern und der Toilettenlage in der Innenstadt nach Veranstaltungen. Zur Schließung der Postfiliale im Marktplatz-Center zum 30. Juni sagte Klose: Eine Ersatzfiliale öffne in dieser Woche im Tabakshop in der Treptower Straße. Die Karl-Marx-Bronze komme voraussichtlich Ende Herbst in den Innenhof des Franziskanerklosters – der Künstler habe dann Reparaturkapazitäten.
100.000 Euro für Anti-Drogen-Projekte
Auf die Drogendebatte des vergangenen Sommers angesprochen, korrigierte sich Klose. Den Satz, eine konkrete Drogenpolitik der Stadt sei nicht zu erkennen, würde er heute nicht mehr so formulieren. Im Haushalt seien 100.000 Euro für ein Präventionskonzept eingestellt, fachlich getragen von Trägern der Suchthilfe und messbar in der Wirkung.
Persönliche Vorlieben und ein Joker
Auf die Frage nach Schwarzwälder Kirschtorte oder Streuselkuchen entschied sich Klose für Streuselkuchen, bei Stadtvertretersitzung oder Kreistagssitzung für die Stadtvertretersitzung, und bei ausgeglichenem Haushalt oder Megakonzern für den Haushalt. Bei der Frage nach Frühstück mit Robert Schnell oder Abendessen mit Toralf Schnur warf er die erste Joker-Karte ein, bevor die Frage zu Ende gesprochen war. Auf die Frage nach der Zeit nach der Amtszeit – Saunafass-Verleih oder Landrat – sagte er: „Bitte nicht weiter fragen“ und warf die zweite Karte. Landrat sei nichts für ihn. Einen Joker durfte er behalten.



