Münchens Oberbürgermeister im Zwielicht: Reiters FC-Bayern-Job sorgt für politischen Wirbel
Ein politischer Mittwoch in München entwickelt sich zu einem rabenschwarzen Tag für Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD). Was morgens noch als bloße Mutmaßung abgetan wird, bestätigt sich am Nachmittag in aller Deutlichkeit: Reiter ist bereits Mitglied im Aufsichtsrat des FC Bayern München – und das, ohne den Stadtrat vorher informiert zu haben.
Von der Verneinung zur Bestätigung: Reiters widersprüchliche Aussagen
Am Morgen der Stadtratssitzung weist Dieter Reiter alle Vorwürfe entschieden von sich. In einer hitzigen Debatte beteuert er, lediglich als Gast an einer Aufsichtsratssitzung teilgenommen zu haben und noch nicht offiziell im Handelsregister eingetragen zu sein. "Ich kann nicht sagen, wie hoch die Vergütung ist. Das war nicht meine erste Frage", erklärt Reiter und betont stattdessen seine Freude über die Berufung in den größten Sportverein der Welt.
Doch die Opposition lässt nicht locker. Linken-Chef Stefan Jagel präsentiert ein Dokument vom 23. Februar, das Reiters Namen auf der offiziellen Aufsichtsratsliste des FC Bayern ausweist. Das Amtsgericht München bestätigt mittags, dass genau diese Liste als neue Zusammensetzung des Aufsichtsrats übermittelt wurde. Die Beweise erdrücken den Oberbürgermeister zunehmend.
Stadtrat vertagt Entscheidung: Mehrheit blockiert sofortige Aufklärung
Die Fraktionen von SPD, CSU mit Freien Wählern, FDP und Bayernpartei nutzen ihre Mehrheit, um eine sofortige Debatte zu verhindern. CSU-Fraktionschef Manuel Pretzl argumentiert, der Stadtrat verfüge noch über zu wenige offizielle Informationen. "Natürlich hätte man vier Tage vor der Wahl ein großes Bohei machen können", gibt Pretzl zu, bevorzugt aber eine Vertagung auf die nächste Sitzung nach der Kommunalwahl.
Lediglich die Grünen mit Volt und Rosa Liste, ÖDP, München Liste, Die Linke, Die Partei und die AfD stimmen für eine umgehende Behandlung der Dringlichkeitsanträge. Doch ihre Stimmen reichen nicht aus, um die Mehrheit zu brechen. Die Frage nach möglichen Interessenskonflikten und die Höhe von Reiters Nebeneinkünften bleiben somit vorerst unbeantwortet.
Am Nachmittag das Eingeständnis: Reiter bestätigt Aufsichtsratsmitgliedschaft
Unter dem wachsenden Druck korrigiert Dieter Reiter am Nachmittag seine früheren Aussagen. Über seine Pressestelle lässt er ein Statement verbreiten, in dem er die Vorwürfe der Lüge zwar "aufs Schärfste zurückweist", aber zugibt, bereits in den Aufsichtsrat gewählt worden zu sein. "Ich habe vom FC Bayern gestern die Auskunft erhalten, dass das Protokoll der Hauptversammlung zu meiner Wahl als Aufsichtsratsmitglied noch nicht beim Registergericht eingereicht wurde", rechtfertigt sich Reiter.
Er bedauert, nicht über den aktuellsten Stand informiert gewesen zu sein, und versichert, dass er für die erste Sitzung keine Vergütung annehmen werde. Die detaillierte Befassung des Stadtrats kündigt er für die Zeit vor der nächsten Sitzung an – also erst nach der anstehenden Kommunalwahl.
Kritik von Opposition und Transparenzfragen
Die ÖDP reagiert scharf auf Reiters Wendemanöver. Parteichef Tobias Ruff wirft dem Oberbürgermeister vor, den Stadtrat nicht ernst genommen und tagelang Zeit verschwendet zu haben, das Thema aufzuklären. In einer schriftlichen Mitteilung fragt Ruff provokant: "Wird der Sonnenkönig jetzt zum Pinocchio?" und betont, dass Tatsachen geschaffen wurden, bevor der Stadtrat darüber entscheiden konnte.
Linken-Chef Jagel verweist auf die Diskrepanz bei Transparenzregeln: "Jeder Müllmann muss 50 Euro zu Weihnachten angeben. Das kann doch niemand nachvollziehen, warum das für einen Oberbürgermeister nicht gelten soll." Die rechtlichen Grenzen sind klar: Ohne Zustimmung des Stadtrats sind für einen Oberbürgermeister nur Nebeneinkünfte bis 10.000 Euro jährlich erlaubt. Zum Vergleich: Der ehemalige Audi-Chef Markus Duesmann erhielt 2022 als Aufsichtsrat beim FC Bayern knapp 100.000 Euro.
Die Debatte um Dieter Reiters Doppelrolle ist damit nur vertagt, nicht beendet. Sie wirft grundsätzliche Fragen zur Transparenz und zu Interessenskonflikten in der Kommunalpolitik auf, die München noch länger beschäftigen werden.



