Sudans vergessene Krise: Leben im Stillstand nach drei Jahren Bürgerkrieg
Seit drei Jahren wütet der Bürgerkrieg im Sudan und hat nach Angaben der Vereinten Nationen die größte humanitäre Krise der Gegenwart ausgelöst. Während internationale Aufmerksamkeit oft anderen Konflikten gilt, führen Millionen Vertriebene ein Leben im Stillstand – dem Krieg entkommen, aber ohne wirkliche Sicherheit oder Zukunftsperspektive.
Aboutengé: Ein Lager der Frauen und Kinder
Dicht gedrängt sitzen Frauen auf Strohmatten unter einem Schattendach im Flüchtlingslager Aboutengé im Osten des Tschad. Ihre bunten Kleider und Kopftücher bilden einen starken Kontrast zur staubtrockenen Halbwüste, die das Lager umgibt. Nur 50 Kilometer trennen sie hier vom Sudan, aus dem sie flohen, als dort im April 2023 der Bürgerkrieg ausbrach.
Aboutengé ist vor allem ein Lager der Frauen und Kinder, die die Mehrheit der gut 47.000 Bewohner stellen. Der Tschad, selbst ein bitterarmes Land in Zentralafrika, hat rund 920.000 Flüchtlinge aus dem östlichen Nachbarland Sudan aufgenommen. Insgesamt gibt es nach UN-Angaben knapp 11,6 Millionen Vertriebene durch den seit drei Jahren andauernden Krieg, wobei 4,5 Millionen Menschen Zuflucht im Ausland suchten.
Die Schatten des Krieges: Gewalt und Trauma
Yeman Mohamat Ramadan lässt den Blick über eine Gruppe von Frauen schweifen, während sie von den Tagen der Flucht erzählt. Als Kämpfer der Miliz Al-Dschunaina die Hauptstadt von West-Darfur angriffen, verübten sie Massaker an der Volksgruppe der Massalit.
„Sie haben die Männer und älteren Jungen nicht gehen lassen, sondern sie geschlagen und getötet“, sagt Ramadan. Die Frauen und Mädchen, die aus der brennenden und zerstörten Stadt flohen, wurden misshandelt und ausgeraubt. „Mädchen wurden vor den Augen ihrer Familie vergewaltigt. Es gab schwangere Frauen, bei denen angesichts des Stresses die Wehen einsetzten. Dann haben die Dschandschawid gewartet, bis das Baby geboren war. Wenn es ein Junge war, haben sie ihn getötet.“
Ramadan und die anderen Frauen setzen die heutige RSF-Miliz mit den Dschandschawid gleich – jenen arabischen Reitermilizen, die bereits während des Genozids vor mehr als 20 Jahren Angehörige nicht-arabischer Volksgruppen in Darfur töteten, misshandelten und vertrieben. Sexuelle Gewalt war damals wie heute eine Kriegswaffe gegen Frauen und Mädchen der Massalit, Zaghawa oder Fur.
Kinder zwischen Trauma und Hoffnung
Viele Menschen in Aboutengé haben Furchtbares erlebt und sind traumatisiert. Die Kinderrechtsorganisation Plan International betreibt hier psychosoziale Arbeit für Betroffene sexueller Gewalt und unterhält zwei Schutzorte für Kinder.
„Als wir hier mit der Arbeit begannen, haben sie Flammen und Gewehre gemalt“, sagt Nothilfekoordinator Kefa Mayange. Die Kinder erzählten von brennenden Städten, von Männern mit Waffen, davon, wie Menschen ins Feuer geworfen wurden. „Heute malen sie Blumen“, fügt Mayange hoffnungsvoll hinzu.
Doch insbesondere viele Jungen blicken mit unkindlichem Ernst in die Welt. Anfangs sei es ständig zu Prügeleien gekommen, erzählt ein Betreuer. Die Jungen, die so viel Gewalt gesehen hatten, mussten lernen, Konfrontationen ohne Gewalt zu lösen. Auf vielen lastet der Druck, in jungen Jahren bereits der „Mann der Familie“ sein zu müssen.
Perspektivlosigkeit und der Wunsch nach Flucht
Hinzu kommt die bedrückende Perspektivlosigkeit. Aboutengé hat mittlerweile zwei Grundschulen, eine dritte ist im Bau. Doch im Lager leben rund 30.000 Kinder und Jugendliche bis 17 Jahre. Eine höhere Schule gibt es nicht, Ausbildungsstätten ebenso wenig.
Viele Jungen überlegen bereits im Alter von 13 oder 14 Jahren, ob sie nicht den gefährlichen Weg nach Libyen und über das Meer versuchen sollen. „Ich will nach Brasilien, um meine Familie unterstützen zu können“, erzählt ein Junge, auch wenn er nicht recht weiß, wo Brasilien eigentlich liegt.
Azraa Mustafa, die zierliche junge Frau, die die Arbeit im Schutzort koordiniert, kennt das Gefühl, festzuhängen, nur zu gut. „Ich habe drei Jahre lang Medizin studiert, doch durch den Krieg musste ich das Studium unterbrechen“, sagt sie. Inzwischen frage sie sich, ob ihr Weg je wieder an eine Universität und zu ihrem Traumberuf als Ärztin führt. „Wir sind die Mütter von morgen. Wie sollen wir für unsere Familien sorgen, wenn wir keinen Beruf lernen können?“
Schweigen und Stigma durchbrechen
Die 17-jährige Wahiba wiegt ihr vier Monate altes Baby im Arm. Ihr Vater wurde im Krieg getötet, der ältere Bruder verletzt und ist nicht arbeitsfähig. Wahiba suchte sich deshalb Arbeit in Adré, formte Lehmziegel – eine Arbeit, die vor allem von Frauen gemacht wird.
Dann kam der Tag, an dem ihr zwei maskierte Männer auflauerten, sie in ein leerstehendes Gebäude verschleppten und stundenlang vergewaltigten. Wahiba schwieg zunächst. Wie viele junge Frauen aus einer konservativen Gesellschaft war sie nicht aufgeklärt worden. Als ihre Periode ausblieb, wusste sie die Zeichen einer Schwangerschaft nicht zu deuten.
„Nach drei Monaten habe ich meiner Mutter gesagt, was passiert ist“, erzählt sie mit leiser Stimme. „Mein Onkel sagte, ich gehöre nicht mehr zur Familie. Meine Cousins haben meine Kleider vor die Hütte geworfen.“ Erst der Sheik Ousman Yacoub Osman, der Chef der Flüchtlingsselbstverwaltung, setzte sich für sie ein.
Doch vor allem sind es die Frauen in Aboutengé, die Stärke und Solidarität zeigen und die Mauer des Schweigens durchbrechen wollen. Yeman Mohamat Ramadan gehört dem Komitee „genderbasierte Gewalt“ an, das unter dem Motto „Keine Gewalt“ aufklärt und Risiken identifiziert.
Mangel an allem – auch an Hoffnung
Aboutengé gilt im Vergleich zu weiter im Hinterland gelegenen Lagern als gut ausgestattet. Doch mangelt es nicht nur an Schulen. Die internationalen Hilfskürzungen machen sich auch hier bemerkbar:
- Wasser- und Lebensmittelrationen sind geschrumpft
- Viele Frauen und ältere Mädchen klagen über viel zu wenig Hygieneprodukte
- Ein Mädchen in der Grundschule wünscht sich eine Schuluniform wie in regulären Schulen
Die Lehrer der Schule wissen selbst nicht, wie sie den Kindern Zuversicht vermitteln sollen angesichts eines Krieges, der nun in sein viertes Jahr geht. Jeder in Aboutengé hat jemanden verloren. Die Nachrichten über Kämpfe und Angriffe wecken schlimme Erinnerungen und Alpträume.
„Es muss Gerechtigkeit geben“, sagt Gamar Khatir Yaya, einer der Lehrer. Einst arbeitete der Mann im langen weißen Gewand im Erziehungsministerium. „Der Internationale Strafgerichtshof muss ermitteln und die Täter zur Verantwortung ziehen.“
Zwischen Hoffen und Bangen an der Grenze
Noch ganz frisch sind die Erinnerungen bei den Menschen, die auf dem Gelände des Roten Kreuzes am Grenzübergang Adré unter Bäumen auf Strohmatten sitzen. Viele wirken erschöpft, gezeichnet von den Strapazen der Reise und den Erlebnissen.
Eine Frau, die mit ihren Kindern und ihrer Schwester aus West-Darfur gekommen ist, schwankt zwischen Hoffen und Bangen. „Ich hoffe, hier ist es besser für uns“, sagt sie. „Aber meine Eltern sind noch im Sudan. Wenn wir hier einen Ort zum Bleiben finden, will ich zurück und sie zu uns holen.“ Sie streicht ihrem kleinen Sohn über den Kopf. „Die Kinder schreien nachts im Schlaf. Ich hoffe, hier kommen sie zur Ruhe.“
Ein alter Mann, der in den vergangenen Jahren immer wieder auf der Flucht war, zählt die Stationen auf: „Samsam, Al-Faschir, Tawila.“ Es sind Namen, die für einige der schlimmsten Orte des Krieges stehen. Wehmütig blickt er auf den Sendeturm wenige hundert Meter entfernt, schon auf der sudanesischen Seite.
„Es gibt keinen besseren Platz, als im eigenen Land zu sein“, sagt er mit schwerer Stimme. „Aber ich habe keine Wahl. Der Krieg lässt mir keine.“
Drei Jahre nach Beginn des Konflikts bleibt der Sudan eine vergessene Krise, während Millionen Menschen im Stillstand leben – zwischen Trauma und Hoffnung, zwischen Verlust und dem zähen Kampf um Würde in der Fremde.



