DDR-Stammtisch in Waren: Vier DDR-Legenden ziehen auch Westbesuch an
DDR-Stammtisch: Vier Legenden locken Westbesuch an

DDR-Stammtisch in Waren: Vier DDR-Legenden ziehen auch Westbesuch an

Im Warener Bürgersaal fand ein besonderer Abend statt: Der DDR-Stammtisch brachte Ex-Prominenz aus DDR-Zeiten zusammen und lockte zahlreiche Gäste aus nah und fern an. Gemeinsam zählen die vier Hauptakteure stolze 341 Lebensjahre: Frank Schöbel, Waldemar Cierpinski, Täve Schur und Egon Krenz. Die Veranstaltung wurde zu einem Ort historischer Selbstvergewisserung und regem Austausch zwischen Ost und West.

Autogrammjagd und persönliche Begegnungen

Thomas Brochhagen reiste eigens aus Nordrhein-Westfalen an, um mehr über die Menschen in Ostdeutschland zu erfahren. Der Westdeutsche ließ sich von Täve Schur eine Seite der Neuen Berliner Illustrierten signieren, auf der ein Artikel über den DDR-Radfahrer abgedruckt war. Doch damit nicht genug: Für Frank Schöbel hatte er ein LP-Cover mit Schlagern des 84-Jährigen dabei, das ebenfalls signiert wurde.

Frank Schöbel präsentierte im Reigen zwischen Waldemar Cierpinski, dem Marathon-Läufer und Olympiasieger der DDR, sowie Egon Krenz, dem letzten Staatschef, ein neues Lied: „Im Osten geht die Sonne auf – im Westen geht sie unter“. An der Bar im Bürgersaal hatte man sich auf den Ost-Geschmack eingerichtet und servierte das beliebte Mixgetränk „Grüne Wiese“, wenn auch nicht im originalen DDR-Glas.

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Zwischen Wir-Gefühl und kritischen Stimmen

Zu Beginn der Veranstaltung wurde im vielstimmigen Chor „Bau auf, bau auf...!“ angestimmt, was das bessere Deutschland – also die DDR – visionierte. Diesem Tenor blieb man treu, und Täve Schur erntete Applaus, als er sinnierte, dass er nur so lange leben und 100 werden wolle, „um dem Kapitalismus lange zu schaden“.

Doch nicht alle teilten diese Begeisterung. Zwei Damen verließen den Saal und begründeten dies gegenüber dem Nordkurier damit, dass das Bejubeln der alten Zeiten ihnen Übelkeit verursache – zumal es vielen heute sehr gut gehe. Die meisten Anwesenden waren jedoch zum Erinnern da, fast wie in einer eingeschworenen Gemeinschaft, nach dem Motto: Was bleibe ihnen auch übrig nach Job-Verlust, Abwicklung, Enttäuschung und biografischen Brüchen?

Ost-West-Paar mit gemischten Gefühlen

Kerstin Draeger-Tlusty war mit ihrem Mann Mike Tlusty von der Alster an die Müritz gekommen – ein Ost-West-Paar mit Leidenschaft für beide Seiten. „Wir reden viel über unsere Kindheit, manche Spiele waren doch die gleichen. Wir wollen einander im Denken verstehen“, beschrieb sie. Die Hamburgerin fühlte sich an diesem Abend in manchen Momenten jedoch „als schlechter Mensch aus dem Westen“.

Ein Zuschauer, der anonym bleiben wollte, sah das anders: „Solche Veranstaltungen waren überfällig. Es muss über unsere Geschichte und unsere Leben wertschätzender geredet werden. Und wie kann es sein, dass man in der Schule das Thema DDR kaum mehr behandelt! Wir sind doch noch immer Menschen zweiter Klasse.“

Politische Reflexionen und persönliche Botschaften

Klaus Härtl, Ex-Fußballer aus Erfurt, resümierte: „Es war im Osten nicht alles besser, aber es war mehr Gefühl.“ Er möchte mit seinen Veranstaltungen erreichen, dass mehr als Stasi und Stacheldraht von der DDR bleibt. Egon Krenz, der ohne Mikrofon den gesamten Saal erreichte, beschrieb die historische Situation: „Als Gorbatschow uns aufgegeben hatte, hinter unserem Rücken seine Politik machte, hätten wir machen können, was wir wollen, denn wir wären ohne die Sowjetunion nicht existent gewesen. Die DDR ist eingegangen in die Bundesrepublik Deutschland. Leider eingegangen, aber nicht beachtet, dass wir 40 Jahre lang eine eigene Prägung hatten.“

Lothar Scholz aus Feldberg reiste extra an, um Egon Krenz einen Brief zu überreichen, in dem er die Bücher des letzten DDR-Staatschefs lobte. Der 86-jährige Ex-Lehrer schrieb, dass er alle Bücher gelesen habe und sie als „ehrliche Aufarbeitung unserer Geschichte“ empfinde. Krenz hatte an diesem Abend sein drittes Buch mitgebracht, und viele Besucher ließen sich die Vorgängerwerke signieren.

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Bereichernde Erfahrungen und zukünftige Pläne

Thomas Brochhagen zog ein positives Fazit: „Besser hätte ich mir den Abend gar nicht vorstellen können. Ich fühle mich nicht beschimpft, sondern klüger und bereichert.“ Der Westdeutsche plant, mit seiner Familie demnächst Urlaub an der Müritz zu machen, um Ostdeutschland weiter zu erkunden. Die Veranstaltung zeigte, dass der DDR-Stammtisch nicht nur ein Treffen für Ostalgie war, sondern auch eine Plattform für Dialog und gegenseitiges Verständnis zwischen Ost und West bot.