Weihnachtsmarkt-Prozess: Gutachter-Stau bei Opferbefragungen in Magdeburg
Im Prozess um das Weihnachtsmarkt-Attentat von Magdeburg hat das Landgericht zusätzliche psychiatrische Gutachter eingesetzt, um die Anhörung der Opfer zu ihren seelischen Schäden zu beschleunigen. Die Experten sollen Zeugen direkt nach ihrer Aussage in separaten Räumen des eigens errichteten XXL-Gerichtsgebäudes zu möglichen Spätfolgen befragen.
Verzögerungen am ersten Tag
Doch das neue System geriet bereits am ersten Tag ins Stocken: Es kam zu erheblichen Verzögerungen bei den Begutachtungen. Mehr als 300 Betroffene führt die Anklage gegen den geständigen Attentäter Taleb al-Abdulmohsen (51) auf. Sie alle erlebten den Anschlag auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt, auch wenn nicht alle körperlich verletzt wurden.
Ursprünglich hatte das Gericht angeregt, das Verfahren auf Mord, versuchten Mord und gefährliche Körperverletzung zu beschränken. Viele Nebenkläger widersprachen jedoch dieser Einschränkung. Deshalb muss das Gericht nun jedem einzelnen Fall nachgehen. Laut dem Vorsitzenden Richter Dirk Sternberg betrifft dies unter anderem sechs Kinder, die psychische Folgen erlitten haben und dringend begutachtet werden müssen.
Schwere psychische Belastungen der Augenzeugen
Viele Augenzeugen leiden bis heute unter schweren psychischen Belastungen wie Panikattacken, Flashbacks und anhaltenden Schlafstörungen. Etliche sind dauerhaft erkrankt oder nicht mehr in der Lage, ihren Beruf auszuüben. Am 21. Verhandlungstag geht das Landgericht Magdeburg der Frage nach, inwieweit diese psychischen Folgen auch körperliche Auswirkungen hatten – und ob dies juristisch als Körperverletzung zu werten ist.
Die Ingenieurin Anne E. (26) berichtete im Zeugenstand, dass der Attentäter direkt an ihr vorbeifuhr: „Ich konnte ihn im Auto sehen. Er hatte beide Hände fest am Lenkrad.“ Obwohl sie körperlich unverletzt blieb, ist ihr Leben heute nicht mehr wie früher. Anne erklärte: „Ich kann selber kein Auto mehr fahren. Ich leide unter Schlafstörungen und stressbedingtem Tremor in der Hand. So kann ich nicht mal mehr eine Schere halten und damit schneiden.“
Traumatisierte Kinder und Enkelkinder
Cathrin C. (58), Postzustellerin aus Magdeburg, war mit ihrer elfjährigen Enkelin auf dem Weihnachtsmarkt, als der Angeklagte sein Attentat verübte: „Ich bekomme unvermittelt Panik bei bestimmten Autogeräuschen. Wenn ich einen Hubschrauber höre, werde ich retraumatisiert.“ Über ihre Enkelin Lilli sagte sie im Zeugenstand: „Sie malt Bilder von Kriegssituationen, wacht häufig nachts auf.“
Die anschließenden Befragungen durch die Gutachter Dr. Hans Flechtner und den Leitenden Arzt Jörg Twele dauerten deutlich länger als vom Gericht geplant. Dadurch kam es zu ungewollten Unterbrechungen und Pausen im Verfahrensablauf. Der Vorsitzende Richter Dirk Sternberg kündigte an, künftig mehr Zeit für die psychologischen Begutachtungen einzuplanen. Am Montag und Dienstag wird der Prozess mit weiteren Zeugen fortgesetzt.



