Ein Leben für die Gorch Fock: Chef-Stewart Kempcke geht nach 39 Jahren von Bord
Nach fast vier Jahrzehnten an Bord des legendären Segelschulschiffs Gorch Fock hat Chef-Stewart Burkhart Kempcke seinen letzten Dienst geleistet. Der 63-Jährige verlässt das Schiff mit einem bewegenden Rückblick auf 39 Jahre voller einzigartiger Erlebnisse, anstrengender Stürme und besonderer Begegnungen.
477.000 Seemeilen und 22 Erdumrundungen
Seit Mai 1987 hat Kempcke exakt 477.063,4 Seemeilen mit der Gorch Fock zurückgelegt – das entspricht rechnerisch etwa 22 Erdumrundungen. Ganze 4.920 Tage verbrachte der Norddeutsche auf See und besuchte dabei 125 verschiedene Häfen weltweit. „Dreimal New York, dreimal Bermudas, 18-mal Lissabon“, zählt der erfahrene Seemann auf, als wäre es gestern gewesen.
Die gute Seele für neun Kommandanten
Der aktuelle Kapitän des Dreimasters, Elmar Bornkessel, würdigt Kempckes Verdienste: „Er war die gute Seele für neun Kommandanten. Es ist jetzt nicht so, dass er den ganzen Tag mir Wasser und Cola Zero bringt.“ Der Chef-Stewart sei immer verlässlich, durch nichts aus der Ruhe zu bringen und vor allem leidensfähig gewesen.
Besonders beeindruckend sei der tägliche Dienst: Die Offiziersmesse liegt Luftlinie etwa 40 Meter von der Kombüse entfernt. „Bei Wind und Wetter geht er über Oberdeck und schleppt quasi jedes einzelne Gericht hier rüber“, erklärt Bornkessel. Das seien alleine 8 bis 15 Gänge pro Mittagessen – auch bei Sturm, wenn Strecktaue gespannt sind und Kempcke „den Limbo machen muss“.
Durch Zufall zur Marine gekommen
Sein Handwerk lernte Kempcke im Kieler Yacht-Club. Zur Marine kam er durch einen glücklichen Zufall: Ein Kollege bewarb sich als Stewart für das Schulschiff „Deutschland“, woraufhin Kempcke seine Bewerbung an die Gorch Fock richtete. Kurze Zeit später ging er an Bord.
„Die erste Seefahrt war natürlich gewöhnungsbedürftig, weil auch ich musste erst mal mit dem Seegang kämpfen. Gespuckt habe ich aber nicht“, erinnert sich der Chef-Stewart. „Danach hatte ich überhaupt keine Probleme mehr. Da konnte das schaukeln, wie es wollte.“
Weltreise als persönliches Highlight
Sein größtes Highlight war die Weltreise 1987/88, die insgesamt elf Monate dauerte. Die Route führte durch den Panamakanal nach Acapulco und für zwölf Tage nach Hawaii. „Dann über den Pazifik rüber wollten wir eigentlich nach Tonga den König besuchen. Das haben wir nicht ganz geschafft, weil wir in einen Hurrikan-Ausläufer gekommen sind“, berichtet Kempcke.
Es folgten Stationen in Samoa, Neuseeland und Australien. „Dann wollten wir eigentlich nach Indien, haben das nicht ganz geschafft, sind in Sri Lanka gelandet, weil wir die ganze Zeit nur Gegenwind hatten und unter Maschine fahren mussten“, erzählt der erfahrene Seemann. Auch Israel stand damals auf dem Reiseprogramm.
Begegnungen mit Prominenz und Politik
In seinen 39 Jahren an Bord lernte Kempcke alle Bundespräsidenten dieser Zeit kennen, Sänger wie Heino, den früheren Showmaster Joachim Fuchsberger – und sogar Königinnen. In Stockholm bediente er Schwedens Königin Silvia und deren Tochter Victoria.
„Das war schon ganz niedlich, weil man spricht ja eine Königin nicht einfach so an“, erinnert sich Kempcke. „Ich wollte dann Teller einsetzen und sie hatte ihre Serviette da noch stehen. Das sah die Tochter.“ Prinzessin Victoria habe sich auf Deutsch an ihre Mutter gewandt: „Mutti, Mutti, du musst deine Serviette wegnehmen, der Ober möchte noch was einsetzen, den Teller einsetzen.“
Auch die meisten Verteidigungsminister seit 1987 lernte der Chef-Stewart kennen. „Bis auf einen fand ich eigentlich alle gut“, sagt Kempcke diplomatisch. Zur Zeit von Karl-Theodor zu Guttenberg als Verteidigungsminister (2009-2011) hatte die Gorch Fock Negativschlagzeilen produziert, die Ausbildung wurde vorübergehend eingestellt und die Zukunft des Schulschiffs infrage gestellt.
Wehmütiger Abschied und Vorfreude auf die Rente
„Wenn ich an den Abschied denke, habe ich einen dicken Kloß im Magen“, gesteht Kempcke. „Es ist nicht mein Schiff, aber mit Wehmut gehe ich. Ich werde es auch vermissen.“ Dennoch freue er sich auf die Zeit an Land bei seiner Familie mit den beiden Söhnen.
Für Kempcke rückt Gary Seibert zum Chef-Stewart auf und wird vorerst der letzte Zivil-Beschäftigte an Bord sein. Kommandant Bornkessel betont: „Es muss aber schon jemand sein, der auch Lust auf Seefahrt hat – und Seefahrt bedeutet natürlich immer Abwesenheit und auch Entbehrung.“
Nach 39 Jahren, 477.000 Seemeilen und unzähligen besonderen Momenten geht damit eine Ära auf der Gorch Fock zu Ende. Burkhart Kempcke verlässt das Schiff als lebende Legende – ein Mann, der wie kein anderer die Geschichte dieses maritimen Wahrzeichens miterlebt und mitgestaltet hat.



