Ein Leben für die Gorch Fock: Chef-Stewart Kempcke geht nach 39 Jahren von Bord
Nach fast vier Jahrzehnten an Bord des legendären Segelschulschiffs Gorch Fock beendet Chef-Stewart Burkhart Kempcke seinen Dienst. Der 63-Jährige hat exakt 477.063,4 Seemeilen mit dem Dreimaster zurückgelegt, was etwa 22 Erdumrundungen entspricht. Ganze 4.920 Tage verbrachte der Norddeutsche auf See und besuchte dabei 125 verschiedene Häfen weltweit.
Die gute Seele für neun Kommandanten
„Er war die gute Seele für neun Kommandanten“, sagt der aktuelle Kapitän Elmar Bornkessel über Kempcke. Der Chef-Stewart sei stets verlässlich, durch nichts aus der Ruhe zu bringen und vor allem leidensfähig gewesen. Auf dem 89 Meter langen Schiff sind die Wege weit: Die Offiziersmesse befindet sich Luftlinie etwa 40 Meter von der Kombüse entfernt.
„Bei Wind und Wetter geht er über Oberdeck und schleppt quasi jedes einzelne Gericht, was hier verzehrt wird, hier rüber“, beschreibt Bornkessel die tägliche Arbeit. Das seien alleine 8 bis 15 Gänge bei jedem Wetter für das Mittagessen. Selbst bei Sturm, wenn keiner mehr an Oberdeck sei, müssten die Offiziere in der Messe versorgt werden.
Durch Zufall zur Marine gekommen
Burkhart Kempcke hat sein Handwerk im Kieler Yacht-Club gelernt und kam durch Zufall zur Marine. Ein Kollege hatte sich als Stewart für das damalige Schulschiff „Deutschland“ beworben, woraufhin Kempcke seine Bewerbung an die Gorch Fock richtete. Kurze Zeit später ging er an Bord.
„Die erste Seefahrt war natürlich gewöhnungsbedürftig, weil auch ich musste erst mal mit dem Seegang kämpfen. Gespuckt habe ich aber nicht“, erinnert sich der Chef-Stewart. Nach dieser Eingewöhnungsphase habe er überhaupt keine Probleme mehr gehabt. „Da konnte das schaukeln, wie es wollte.“
Weltreise als Karriere-Highlight
Sein persönliches Highlight der fast vier Jahrzehnte an Bord war die Weltreise 1987/88, die insgesamt elf Monate dauerte. Kempcke zählt die Stationen auf, als sei es gestern gewesen: Durch den Panamakanal, nach Acapulco und zwölf Tage auf Hawaii.
„Dann über den Pazifik rüber wollten wir eigentlich nach Tonga den König besuchen. Das haben wir nicht ganz geschafft, weil wir da in einen Hurrikan-Ausläufer gekommen sind“, erzählt er. Es folgten Stationen in Samoa, Neuseeland, Australien und schließlich Sri Lanka, weil Gegenwind die Weiterfahrt nach Indien verhinderte. Auch Israel besuchte das Schiff während dieser historischen Reise.
Begegnungen mit Prominenz und Politik
In seinen 39 Jahren an Bord lernte Kempcke alle Bundespräsidenten dieser Zeit kennen, Sänger wie Heino, den früheren Showmaster Joachim Fuchsberger und auch Königinnen. In Stockholm bediente er Schwedens Königin Silvia und deren Tochter Victoria.
„Das war schon ganz niedlich, weil man spricht ja eine Königin nicht einfach so an“, erzählt der Chef-Stewart. „Ich wollte dann Teller einsetzen und sie hatte ihre Serviette da noch stehen und das sah die Tochter.“ Prinzessin Victoria habe sich auf Deutsch an ihre Mutter gewandt: „Mutti, Mutti, du musst deine Serviette wegnehmen, der Ober möchte noch was einsetzen, den Teller einsetzen.“
Auch die meisten Verteidigungsminister seit 1987 lernte Kempcke kennen. „Bis auf einen fand ich eigentlich alle gut“, sagt er diplomatisch. Zur Zeit von Karl-Theodor zu Guttenberg als Verteidigungsminister (2009-2011) hatte die Gorch Fock Negativschlagzeilen produziert, was zur vorübergehenden Einstellung der Ausbildung führte.
Abschied mit gemischten Gefühlen
Wenn er an seinen Abschied am Donnerstag denke, habe er einen dicken Kloß im Magen, gesteht Kempcke. „Es ist nicht mein Schiff, aber mit Wehmut gehe ich. Ich werde es auch vermissen.“ Dennoch freue er sich auf die Zeit an Land bei seiner Familie mit den beiden Söhnen.
Für Kempcke rückt Gary Seibert zum Chef-Stewart auf und wird vorerst der letzte Zivil-Beschäftigte an Bord sein. „Es muss aber schon jemand sein, der auch Lust auf Seefahrt hat“, betont Kommandant Bornkessel. „Und Seefahrt bedeutet natürlich immer Abwesenheit und auch Entbehrung.“
Nach 39 Jahren, 477.000 Seemeilen und unzähligen Begegnungen auf sieben Meeren geht damit eine Ära auf der Gorch Fock zu Ende. Burkhart Kempcke hinterlässt nicht nur leere Teller in der Offiziersmesse, sondern auch eine unvergleichliche maritime Geschichte.



