Marineinspekteur und Norwegens Verteidigungschef warnen vor wachsender russischer Bedrohung auf See
Der Inspekteur der Deutschen Marine, Vizeadmiral Jan Christian Kaack, hat eindringlich vor einer zunehmenden Bedrohung durch Russland auf See gewarnt. In einem aktuellen Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ betonte er: „Die Bedrohung ist real.“ Besonders in der Ostsee habe die Aggressivität russischer Streitkräfte in den vergangenen zwei Jahren deutlich zugenommen.
Eskalationsgefahr durch russische Manöver
Kaack berichtete von vermehrten Beobachtungen tief anfliegender russischer Flugzeuge über Nato-Schiffen und aggressiveren Annäherungen. „Das ist gefährlich, denn dadurch kann es leicht zu einer Eskalation durch Zufall kommen“, erklärte der Marineinspekteur. Die russischen Streitkräfte würden sowohl an Soldatenzahl als auch an Fähigkeiten wachsen, die im Ukraine-Krieg täglich erprobt werden.
Um solche gefährlichen Situationen zu bewältigen, bereitet die Marine ihre Kommandantinnen und Kommandanten gezielt vor. Es gebe klare Verhaltensregeln, und entsprechende Szenarien würden regelmäßig in militärischen Planspielen durchgespielt.
Personalmangel als größtes Problem
Als größtes Defizit nannte Kaack den Personalmangel in den Seestreitkräften. „Das größte Defizit ist, dass wir nicht genug Menschen haben“, sagte er. Er setzt Hoffnung in den neuen freiwilligen Wehrdienst und prophezeite: „2026 wird unser Jahr des Aufwuchses, ein Jahr des Aufbruchs.“
Positiv bewertete der Marineinspekteur die Nato-Mission „Baltic Sentry“, die vor einem Jahr zum Schutz von Pipelines und Unterseekabeln in der Ostsee gestartet ist. Durch diese Mission konnte die Reaktionszeit bei verdächtigen Ereignissen von 17 Stunden auf nur eine Stunde verkürzt werden.
Norwegen schließt russischen Angriff nicht aus
Vor einer akuten Gefahrenlage durch Russland warnt auch Norwegens Verteidigungschef Eirik Kristoffersen. Im Gespräch mit dem britischen „Guardian“ erklärte er, einen möglichen Angriff Russlands nicht ausschließen zu können. Norwegen und Russland teilen sich im Norden eine 200 Kilometer lange Landgrenze.
Kristoffersen sieht für Russland ein Motiv in der Sicherung der eigenen Verteidigungsfähigkeit, da sich unweit der norwegischen Grenze ein Großteil des russischen Atomarsenals auf der arktischen Kola-Halbinsel befindet. Dort lagern Atom-U-Boote, landgestützte Raketen und nuklearfähige Flugzeuge.
„Wir schließen einen Landraub durch Russland nicht aus, als Teil ihres Plans, ihre eigenen nuklearen Fähigkeiten zu schützen“, sagte der norwegische Verteidigungschef. Norwegen bereite sich auf ein entsprechendes Szenario vor.
Regelmäßige Luftraumverletzungen
Obwohl Russland im hohen Norden weniger aggressiv auftrete als in der Ostsee, registriere Norwegen dennoch regelmäßig Luftraumverletzungen. Kristoffersen führt diese meist auf Missverständnisse zurück – etwa auf GPS-Störungen oder mangelnde Erfahrung der Piloten.
Um Eskalationen zu vermeiden, plädierte der Verteidigungschef für die Einrichtung einer militärischen Hotline zwischen Oslo und Moskau. Trotz der angespannten Lage halten beide Länder weiterhin Kontakt, etwa bei Such- und Rettungsmissionen in der Barentssee oder bei regelmäßigen Treffen an der gemeinsamen Grenze.



