AfD im Südwesten: Warum Baden-Württemberg zur Hochburg der Rechtspopulisten wird
AfD im Südwesten: Baden-Württemberg als Hochburg der Rechtspopulisten

AfD im Südwesten: Warum Baden-Württemberg zur Hochburg der Rechtspopulisten wird

Die Alternative für Deutschland könnte bei der anstehenden Landtagswahl in Baden-Württemberg ein historisches Ergebnis erzielen. Als erstes westdeutsches Bundesland könnte die Partei die symbolträchtige 20-Prozent-Marke überspringen, wie aktuelle Umfragen nahelegen. Damit würde die AfD zur stärksten Oppositionskraft im Stuttgarter Landtag aufsteigen und ein Rekordergebnis in Westdeutschland einfahren.

Ländliche Regionen als Stützpfeiler des Erfolgs

Forschungsergebnisse des Instituts für Rechtsextremismusforschung an der Universität Tübingen zeigen deutliche Unterschiede zwischen urbanen Zentren und ländlich geprägten Gebieten. „Die eher ruralen Gebiete rücken nach rechts, die urbanen Zentren bleiben weitgehend resilient“, lautet die Analyse der Wissenschaftler. Besonders stark schneidet die AfD in traditionell geprägten Regionen wie dem Schwarzwald und der Schwäbischen Alb ab.

In Lahr erreichte die Partei bei der Bundestagswahl 2025 über 31 Prozent der Zweitstimmen – ein bemerkenswerter Wert für Westdeutschland. Rolf Frankenberger vom IRex erklärt diesen Erfolg mit der gezielten Ansprache konservativer Themen: „Wie keine andere Partei adressiert die AfD hier traditionelle Familienbilder, Patriotismus oder auch den Kampf gegen Windkraft und das Verbrenner-Aus.“ Mit Slogans wie „Dein Nachbar wählt uns auch“ vermittle die Partei zudem Normalität und Alltagsnähe.

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Wirtschaftliche Sorgen und gesellschaftliche Umbrüche

Die Politikwissenschaftlerin Julia Reuschenbach von der Universität Hamburg verweist auf spürbare Transformationsprozesse: „Der Prozess der Transformation findet im Westen schleichender statt, als er im Osten stattgefunden hat, aber er ist eben spürbar.“ Leerstehende Geschäfte, eingestellte Busverbindungen und abgewanderte Industrien schüren Unsicherheiten in der Bevölkerung.

Besonders die einst starke Automobilindustrie Baden-Württembergs durchlebt eine Schwächephase. AfD-Spitzenkandidat Markus Frohnmaier nutzt diese Situation für seine Wahlkampfrhetorik: „Die Probleme hier in Baden-Württemberg sind hausgemacht.“ Sein Versprechen: Es sei Zeit für einen politischen Wechsel.

Historische Kontinuitäten und neue Allianzen

Die AfD steht in einer historischen Tradition rechtspopulistischer Kräfte im Südwesten. Bereits Ende der 1960er Jahre zog die NPD in den Landtag ein, gefolgt von den Republikanern in den 1990ern. Auch die „Querdenker“-Bewegung fand während der Corona-Pandemie ihren Ursprung in Baden-Württemberg. Die sogenannte „Reichsbürger“-Szene zählt laut Verfassungsschutz über 4.000 Anhänger in der Region.

Rolf Frankenberger identifiziert weitere gesellschaftliche Gruppen, die zur Stärke der AfD beitragen: „Christlich-fundamentalistische und anthroposophische Gruppen bis hin zu Anhängern von Verschwörungstheorien spielen eine Rolle.“ Besonders der im württembergischen Raum verbreitete Pietismus, eine evangelische Frömmigkeitsbewegung, schaffe Anknüpfungspunkte für rechte Positionen.

Strategische Wähleransprache und juristische Entwicklungen

Anders als in anderen Bundesländern gelingt es der AfD in Baden-Württemberg teilweise, auch in städtischen Gebieten Fuß zu fassen. In alten Industriestädten wie Pforzheim und Heilbronn erreicht die Partei beachtliche Ergebnisse. Frankenberger erklärt: „Hier adressiert die Partei gezielt etablierte Einwanderergruppen wie Russlanddeutsche.“ Wahlkampfmaterial auf Kyrillisch und Türkisch zeuge von dieser strategischen Ausrichtung.

Eine mögliche Steilvorlage für die AfD könnte die jüngste Entscheidung des Verwaltungsgerichts Köln werden. Das Gericht untersagte dem Bundesamt für Verfassungsschutz, die Partei vorerst als gesichert rechtsextremistisch einzustufen oder öffentlich so zu bezeichnen. Frankenberger schätzt: „Das könnte der AfD nochmal zwei, drei Prozentpunkte bringen.“

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Mit rund 8.600 Mitgliedern im Südwesten und einer seit 2016 bestehenden Landtagsfraktion hat sich die AfD als feste Größe im politischen Spektrum Baden-Württembergs etabliert. Obwohl eine Regierungsbeteiligung derzeit ausgeschlossen erscheint, könnte die Partei am Wahlsonntag ihre Position als stärkste Oppositionskraft im Landtag ausbauen und damit die politische Landschaft des Südwestens nachhaltig verändern.