Eine Rückkehr mit historischer Bedeutung
Silke Maier-Witt, die einzige ehemalige Terroristin der Roten Armee Fraktion (RAF), die ihre Vergangenheit umfassend und selbstkritisch aufgearbeitet hat, kehrt an einen besonderen Ort zurück: Neubrandenburg. In der Vier-Tore-Stadt stellt sie Anfang März ihre bewegende Autobiografie vor, die nicht nur ihre Zeit als RAF-Mitglied, sondern auch ihr geheimes Leben in der DDR dokumentiert.
Neubrandenburg: Mehr als nur ein Zufluchtsort
Für Maier-Witt war Neubrandenburg weit mehr als eine bloße Unterkunft während ihrer Jahre in der Illegalität. Von Oktober 1987 bis zu ihrer Verhaftung am 18. Juni 1990 lebte sie hier unter dem Decknamen Sylvia Beyer und arbeitete beim Arzneimittelproduzenten Pharma Neubrandenburg. Interessanterweise verbrachte auch ihr ehemaliger RAF-Mitstreiter Henning Beer zur gleichen Zeit sein Leben in derselben Stadt, ohne dass beide voneinander wussten.
Die Staatssicherheit hatte beiden Aussteigern neue Identitäten verschafft: Während Maier-Witt als Sylvia Beyer bekannt war, lebte Beer unter dem Namen Dieter Lenz. Diese Tarnung ermöglichte ihnen ein scheinbar normales Leben in der DDR, fernab ihrer terroristischen Vergangenheit in Westdeutschland.
Unterschiedliche Wege der Aufarbeitung
Ein markanter Unterschied trennt die beiden ehemaligen RAF-Mitglieder: Während Silke Maier-Witt ihre Vergangenheit schon früh kritisch beleuchtete, sich bei den Opfern des linksextremen Terrors entschuldigte und nun öffentlich über ihre Erfahrungen spricht, schweigt Henning Beer beharrlich. Sein Anwalt drohte sogar mit rechtlichen Konsequenzen, sollte sein neuer Name oder Fotos seines Hauses in den Medien erscheinen.
Diese Haltung des Schweigens teilt Beer mit anderen ehemaligen RAF-Mitgliedern wie Brigitte Mohnhaupt, Stefan Wisniewski und Christian Klar, die alle Interviewanfragen für Maier-Witts Autobiografie ablehnten. Ihr Co-Autor André Groenewoud beschreibt dies als "eine Omertà, die bis heute anhält, mehr als 40 Jahre nach ihren Taten".
Ein bewegtes Leben zwischen zwei deutschen Staaten
Silke Maier-Witts Lebensgeschichte spiegelt zahlreiche Facetten der jüngeren deutschen Geschichte wider: den Terror der RAF in den 1970er Jahren, das Agieren des Ministeriums für Staatssicherheit, den Umbruch von 1989/90 und die schwierige Frage nach den Gründen für die Radikalisierung junger Menschen. Gerade zu diesem Thema möchte sie besonders mit Schülern und Studenten ins Gespräch kommen.
Nach dem Scheitern der zweiten RAF-Generation, die 1977 ihre inhaftierten Anführer nicht befreien konnte, beschlossen mehrere Mitglieder auszusteigen. Mit Unterstützung der Stasi fanden Maier-Witt und andere wie Susanne Albrecht und Monika Helbing 1980 Unterschlupf in der DDR. Alle wurden in der Bundesrepublik als Tatverdächtige im Kontext der Morde von 1977 gesucht.
Ein Leben in ständiger Gefahr
Maier-Witts Zeit in der DDR war geprägt von ständiger Bedrohung der Enttarnung. Nachdem sie zunächst in Hoyerswerda und später in Erfurt untergebracht war, musste sie im März 1986 erneut fliehen, als der sowjetische Geheimdienst KGB die Stasi warnte, dass das Bundeskriminalamt der Spur nachging, bei der Krankenschwester Angelika Gerlach in Erfurt handele es sich um die gesuchte RAF-Terroristin Silke Maier-Witt.
"Von einem Tag auf den anderen habe ich alles verloren, was mir wichtig war: meine Arbeit, meine Wohnung, meine Hoffnung auf eine neue Perspektive", schreibt sie in ihrer Biografie. Nach eineinhalb Jahren in verschiedenen konspirativen Quartieren begann sie im Oktober 1987 ihr "neues Leben" in Neubrandenburg als Sylvia Beyer aus Moskau.
Integration und Emanzipation
In Neubrandenburg gelang Maier-Witt etwas Bemerkenswertes: Sie emanzipierte sich zunehmend von ihren Stasi-Betreuern. Sie engagierte sich in der Hausgemeinschaft, trainierte in der Pharma-Laufgruppe und nahm an Wettkämpfen teil. 1987/88 beantragte sie sogar die Aufnahme in die SED, was bei ihren Betreuern auf Kritik stieß, da sich die RAF-Aussteiger eigentlich unauffällig verhalten sollten.
Renate P., eine Lauffreundin aus dieser Zeit, erinnert sich: "Ich bin in dem Jahr aus der Partei ausgetreten, als Sylvie eingetreten ist." Die beiden Frauen diskutierten intensiv über die Politik in der DDR, ohne dass Renate P. jemals den wahren Hintergrund ihrer Freundin erahnte.
Das Ende der Tarnung
Mit der Friedlichen Revolution und der Abwicklung der DDR änderte sich alles. Plötzlich hingen westdeutsche RAF-Fahndungsplakate auch in ostdeutschen Volkspolizei-Ämtern. Am 18. Juni 1990 wurden sowohl Silke Maier-Witt als auch Henning Beer in Neubrandenburg festgenommen. Für ihre Freunde und Bekannten war die Enthüllung ein Schock. Renate P., die ihre Lauffreundin "Sylvie" am Abend in der Tagesschau als gesuchte RAF-Terroristin erkannte, "konnte ich es einfach nicht glauben".
Treue Freundschaften über alle Grenzen hinweg
Bemerkenswert ist die Treue, die einige Neubrandenburger Maier-Witt auch nach ihrer Verhaftung bewahrten. Das Ehepaar Maren und Günter Kettner, Kollegen bei Pharma, hielt den Kontakt während ihrer fünfjährigen Haftzeit aufrecht und bis heute. In ihrem ersten Brief aus der Haft schrieb Maier-Witt: "Aber Ihr müsst Euch genau überlegen, ob Ihr Kontakt mit mir halten wollt. Auch wenn ich es, ehrlich gesagt, hoffe, kann ich es verstehen, wenn Ihr es ablehnt."
In diesem Briefwechsel, der in Auszügen in der Biografie dokumentiert ist, reflektierte sie später auch den Einigungsprozess und den "Totalausverkauf der DDR". Sie beschrieb sich selbst als "Ost-West-Bürgerin", eine seltene Chance, die sich aus ihrer besonderen Biografie ergab.
Eine Lesung mit historischem Gewicht
Auf Einladung der Buchhandlung Thalia liest Silke Maier-Witt am 9. März aus ihrer 2025 bei Kiepenheuer & Witsch erschienenen Autobiografie "Ich dachte, bis dahin bin ich tot. Meine Zeit als Terroristin und mein Leben danach". Die Veranstaltung beginnt um 19.30 Uhr im Neubrandenburger Thalia-Geschäft.
Karten können telefonisch unter 039536315115 vorbestellt oder direkt bei Thalia erworben werden. Für Maier-Witt ist diese Lesung besonders bedeutsam: "Ich habe einen Großteil meiner DDR-Jahre in Neubrandenburg erlebt, und hier endete meine DDR-Zeit auch." Ob ihr ehemaliger Mitstreiter Henning Beer erscheinen wird, bleibt ungewiss. "Vielleicht kommt Henning ja, ich glaube aber eher nicht", sagt sie mit einer Mischung aus Hoffnung und Realismus.



