Vom Regierenden Bürgermeister zum Pensionär: Michael Müllers neues Leben
Vor einem Jahr endete die politische Karriere von Michael Müller im Bundestag abrupt. Der ehemalige Regierende Bürgermeister von Berlin, der für die SPD antrat, schaffte den Wiedereinzug nicht. Heute bezeichnet sich der 61-Jährige selbst als Pensionär – doch ganz ohne politisches Engagement geht es nicht.
Die „Setzerei“ als neues Zentrum
Was ungewöhnlich erscheint: Müller hat sein früheres Wahlkreisbüro in Berlin-Charlottenburg behalten und mietet es weiter. „Setzerei“ nennt er die Räumlichkeiten nun, was sowohl auf seine berufliche Vergangenheit als Drucker als auch auf den Zweck des Ortes anspielt. „Politik, Kultur, Gespräche“ steht an der Tür – und genau das findet hier statt.
„Ich bin Pensionär. So ist es nun mal. Ich habe die Setzerei mit meinem Veranstaltungsprogramm, aber keine andere berufliche Aufgabe“, erklärt Müller nüchtern. Mehr als 25 Jahre war er in der Berliner Landespolitik aktiv: als SPD-Fraktionsvorsitzender, Senator, von 2014 bis 2021 als Regierender Bürgermeister und anschließend als Bundestagsmitglied.
Freiheit statt Fremdbestimmung
Der Tagesrhythmus hat sich radikal verändert. „Als Regierender Bürgermeister werde man morgens um halb acht oder acht abgeholt. Danach sei der Tag im Stundenrhythmus bis 23.00 Uhr durchgetaktet“, erinnert sich Müller. Heute könne er ausschlafen, Zeitung lesen und dann erst ins Büro fahren. Diese neue Freiheit genießt er, auch wenn es Momente des Vermissens gibt.
„Was manchmal ein bisschen wehtut, ist, wenn ich im Bundestag Reden höre oder auch bei Landesparteitagen“, räumt er ein. „Dass ich denke: 'Ach Mensch, die hätte ich gerne selbst gehalten.' Aber ich wache nicht morgens auf und weine. Ich habe keinen Phantomschmerz.“
Kritischer Blick auf die SPD
Sein Ausscheiden aus dem Bundestag war nicht frei von Verletzungen. Für die Wahl 2025 bekam er in der Berliner SPD keinen aussichtsreichen Listenplatz, direkt gewählt wurde er ebenfalls nicht. „Als die Berliner SPD gesagt hat, es reicht jetzt, hat das wehgetan“, betont Müller. Hinter den Kulissen sei deutlich geworden: zu alt, zu weiß, zu rechts.
Seine Kritik geht weiter: „Was ich leider auch in Richtung Berliner SPD vermisse: dass die Mischung fehlt. Es wäre schlimm, wenn nur noch 60-jährige Ex-Bürgermeister herumrennen für die SPD. Aber wenn es nur 25-jährige Politologen sind, ist es genauso schlimm.“ Die Partei rede über politische Inhalte, die sie personell gar nicht mehr abbilden könne.
Ein Stück Familiengeschichte
In der Setzerei steht noch die Druckmaschine, an der Müller 15 Jahre mit seinem Vater arbeitete, bevor er Politiker wurde. „Ich hänge schon noch daran. Das ist auch ein Stück Familiengeschichte“, erklärt er. Der Name spiele auch darauf an, dass man sich hier zusammensetze und mit Themen auseinandersetze.
Das Programm ist anspruchsvoll: Die Direktorin des Deutschen Literaturarchivs, Sandra Richter, kommt für einen Vortrag, der ehemalige SPD-Fraktionsvorsitzende Ralf Mützenich für eine politische Diskussion. Ehrenamtlich engagiert sich Müller zudem im Stiftungsrat des Jüdischen Museums und bei der Deutschen Gesellschaft.
„Das war mein Horror, dass ich zu Hause sitze und keine Aufgabe habe“, gesteht Müller. Mit der Setzerei habe er sich ein Stück von dem erhalten, was er als Regierender oder Abgeordneter hatte – gesellschaftspolitisches Engagement auf seine neue Weise.



