SEZ in Berlin-Friedrichshain: Kann ein Kompromiss den Abriss verhindern?
SEZ Berlin: Kompromiss gegen Abriss möglich?

SEZ in Berlin-Friedrichshain: Kann ein Kompromiss den Abriss verhindern?

Das ehemalige Sport- und Erholungszentrum (SEZ) in Berlin-Friedrichshain steht vor einer entscheidenden Weichenstellung. Während der Berliner Senat seit langem auf einen Abriss und anschließenden Wohnungsbau drängt, formiert sich zunehmender Widerstand. Ein neues Bündnis namens „SEZ-Quartier neu Denken“ hat nun ein Konzept vorgelegt, das sowohl den Erhalt zentraler Teile des DDR-Baus als auch die Errichtung von 500 Wohnungen vorsieht. Damit könnte ein jahrelanges Dilemma gelöst werden.

Debatte zwischen Erhalt und Neubau

Bisher schien die Diskussion um das SEZ auf eine einfache Alternative hinauszulaufen: Entweder wird das historische Gebäude erhalten oder es werden dringend benötigte Wohnungen gebaut. Das Bündnis aus Fachleuten der Architektur, Stadtplanung und Denkmalschutz durchbricht diese Polarisierung mit einem innovativen Vorschlag. Geplant sind vier Hochhäuser, die gleichzeitig den Erhalt wesentlicher Teile des ehemaligen Sport- und Erholungszentrums ermöglichen sollen. Das SEZ war in der DDR weit über Berlin hinaus bekannt und zog Millionen Besucher an.

Die Debatte um den möglichen Abriss berührt auch grundsätzliche Fragen zum Umgang mit DDR-Architektur in der Hauptstadt. Ähnlich wie beim Palast der Republik geht es darum, ob ein weiteres Stück ostdeutscher Baugeschichte verschwinden soll. Für das SEZ gilt aktuell ein Abrissstopp, den das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg aufgrund artenschutzrechtlicher Bedenken verhängt hat.

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Positionen der politischen Akteure

Bezirksbürgermeisterin Clara Herrmann von den Grünen wirbt im Bauausschuss des Landesparlaments dafür, die neuen Vorschläge ernst zu nehmen. „Es ist eine Debatte, die sehr polarisierend geführt werden kann“, warnte sie, „oder verbindend.“ Sie plädiert dafür, das Neue zu feiern und das Alte einzubeziehen. Für die künftige Nutzung hält sie Sport, Freizeit, Gewerbe und Kultur für denkbar, schließt aber ein Spaßbad aus. Herrmann betont, dass die Ankündigung des Abrisses bereits zu Frustration, Demonstrationen und Unterschriftensammlungen geführt habe.

Bausenator Christian Gaebler von der SPD sicherte zu, das neue Konzept zu prüfen, äußerte jedoch Skepsis. „Wir gucken uns das an“, versicherte er, „ich bin eher skeptisch, was da rauskommt.“ Gaebler betonte die Dringlichkeit des Wohnungsbaus in Berlin und verwies auf die geplanten 650 Wohnungen, eine neue Schule und eine Sporthalle durch die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft. Die Wiederinbetriebnahme des Schwimmbads hält er für wirtschaftlich nicht machbar.

Expertisen und Initiativen

Ursula Quatember, Professorin für Baugeschichte an der Technischen Universität Berlin, unterstrich die historische Bedeutung des SEZ. Es handele sich nicht um ein x-beliebiges Freizeitzentrum, sondern verkörpere ein Stück deutsch-deutsche Baugeschichte. „Es waren auch Planer aus dem Westen beteiligt“, betonte sie und wies darauf hin, dass das SEZ im kollektiven Gedächtnis vieler Berlinerinnen und Berliner fest verankert sei – im Osten und im Westen. Ihr Appell lautet daher klar: nicht abreißen.

Christoph Rauhut, Berlins Landeskonservator und Direktor des Landesdenkmalamts, sieht dies anders. Zwar verstehe er, dass der Abriss als Verlust empfunden werde, doch das SEZ sei keine Ikone der DDR-Architektur und nicht denkmalschutzwürdig. Viele Bauteile seien nicht mehr vorhanden, manche Räume verwahrlost. Rauhut betonte, dass bedeutende Denkmale wie der Friedrichstadtpalast geschützt seien, das SEZ aber nicht in diese Liga gehöre.

Susanne Lorenz von der Initiative „SEZ für alle“ warnt vor einem Mangel an Sportstätten. „Berlin will Olympia, bekommt aber nicht mal das SEZ hin“, kritisierte sie. In Friedrichshain fehlten Schwimmbäder, Sporthallen und Sportplätze. Sie forderte ein Abrissmoratorium und eine Machbarkeitsstudie mit Bürgerbeteiligung zur künftigen Nutzung.

Die Entscheidung über das SEZ bleibt somit eine Gratwanderung zwischen historischer Bewahrung und modernen städtebaulichen Erfordernissen. Ob der vorgeschlagene Kompromiss tragfähig ist, wird sich in den kommenden Wochen zeigen.

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