Berliner Zaunstreit: Görlitzer Park wird nachts geschlossen - Lösung oder Eskalation?
Zaunstreit um Görlitzer Park: Nachtsperrung ab März

Berliner Zaunstreit: Görlitzer Park wird nachts geschlossen - Lösung oder Eskalation?

Es ist ein Konflikt, der weit über Berlin hinausstrahlt: Der berüchtigte Görlitzer Park in Kreuzberg soll ab Anfang März nachts eingezäunt und geschlossen werden. Was als Maßnahme gegen das langjährige Drogenproblem gedacht ist, spaltet die Stadt in Befürworter und erbitterte Gegner. Während die Polizei auf mehr Sicherheit und bessere Verfolgungsmöglichkeiten für Kriminelle hofft, kündigen Aktivisten bereits Widerstand und mögliche Zerstörungen der neuen Anlagen an.

Ein Park als politisches Symbol

Der Görlitzer Park ist längst mehr als nur eine Grünfläche im Herzen Berlins. Er hat sich zu einem politischen Symbol entwickelt, das grundsätzliche Fragen zum Umgang mit sozialen Problemen aufwirft. Für viele Kreuzberger steht der Park für ein alternatives Berlin, das auf Offenheit, Prävention und Sozialarbeit setzt. Für CDU, Teile der SPD, FDP und AfD dagegen verkörpert er das Scheitern linksalternativer Ansätze im Kampf gegen Drogenkriminalität.

Die Diskussion zeigt, wie unterschiedlich die Ansichten zum Umgang mit dem Drogenproblem sind. Manche Anwohner befürchten durch die nächtliche Schließung eine Verlagerung des Drogenhandels in die umliegenden Straßen und Hauseingänge. Andere erhoffen sich endlich mehr Ruhe und Sicherheit für ihre Kinder, die teilweise nicht mehr alleine durch den Park gehen können.

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Von der Polizeiidee zur Senatsentscheidung

Die Idee für Zaun und Nachtsperrung stammt ursprünglich von der Berliner Polizei. Nach einer angeblichen Gruppenvergewaltigung im Sommer 2023 hatte Polizeipräsidentin Barbara Slowik Meisel deutlich gemacht: „Sicher würde es zumindest uns als Polizei helfen, den Park vergleichbar dem Flugfeld Tempelhof einzuzäunen und die Zugänglichkeit des Parks zeitlich zu beschränken.“

Innensenatorin Iris Spranger (SPD) und Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) griffen den Vorschlag auf und luden zu einem Sicherheitsgipfel ein. Frühere Maßnahmen wie ständige Polizeirazzien waren erfolglos geblieben, die Koalition aus CDU und SPD wollte Stärke demonstrieren. Parallel versprach der Senat allerdings auch mehr Geld für Sozialarbeit, Drogenkonsumräume und Wohnungen für Süchtige.

Kosten und Widerstand

Die Umsetzung ist teuer: Der Bau zusätzlicher Zäune und die Installation von 16 Toren mit acht Drehkreuzen kosteten laut Senat knapp 1,8 Millionen Euro. Hinzu kommen jährlich etwa 800.000 Euro für einen privaten Wachdienst, der die Anlagen schützen soll. Ob die Drehkreuze tatsächlich „vandalismussicher“ sind, wie gefordert, wird sich erst zeigen müssen.

Auf einer linksradikalen Internetseite wird bereits dazu aufgerufen, „sich mal die verschiedenen Zäune, Tore und Drehkreuze genauer anzuschauen“. Ein anderer Schreiber warnt vor verstärktem Wachschutz und Zivilpolizei. Die Anwohner-Initiative „Görli zaunfrei“ kündigte für Sonntagabend bereits eine Demonstration als „Kiezrundgang durch Deutschlands gefährlichsten Park“ an – eine ironische Bezeichnung, die den Protestcharakter unterstreicht.

Historische Entwicklung des Problems

Der Görlitzer Park, der vor dem Zweiten Weltkrieg ein Bahnhof und zu Zeiten der geteilten Stadt eine Brache an der Berliner Mauer war, hat sich in den vergangenen 20 Jahren zu einem Zentrum des Drogenhandels entwickelt. Was mit Cannabis begann, weitete sich zum Angebot von Kokain und Crack aus. Für viele Anwohner sind weniger die Dealer das Problem, als die teilweise aggressiven Süchtigen und Obdachlosen, die die Umgebung zum Wohnen, Schlafen und als Toilette nutzen.

Der von den Grünen geführte Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg hatte bereits verschiedene Maßnahmen ausprobiert: Parkmanager, farbliche Markierungen auf dem Boden, Appelle für gutes Benehmen. Doch dauerhafte Erfolge blieben aus, auch weil Dealer, Süchtige und Obdachlose ständig wechseln und sich wenig für politische Appelle interessieren.

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Ungewisse Zukunft

Der Senat bleibt vage, wann genau die erste nächtliche Schließung erfolgen soll. Man peile „Anfang März“ an, heißt es offiziell – offenbar, um den Ärger nicht weiter anzuheizen und Zerstörungen zu provozieren. Über eine Klage des Bezirks vor Gericht ist noch nicht endgültig entschieden, der Widerstand von Grünen, Linken und Anwohner-Initiativen hält an.

Eine begleitende wissenschaftliche Untersuchung soll zeigen, ob die nächtliche Schließung positive Effekte für die Umgebung bringt und tatsächlich zur Eindämmung des Drogenhandels und der Begleitkriminalität beiträgt. Berlins Staatssekretär für Inneres, Christian Hochgrebe (SPD), sagte: „Es sei Zeit, über neue Ansätze nachzudenken und auch mal unkonventionelle Lösungen in den Blick zu nehmen.“

Letztlich geht es um mehr als nur um einen Zaun. Es geht um grundsätzliche Fragen des Zusammenlebens in einer Großstadt, um den richtigen Umgang mit sozialen Problemen und um die Balance zwischen Sicherheit und Freiheit. Der Kampf um den Görlitzer Park ist damit auch ein Kampf um die Seele Berlins.