Brandenburgs Gedenkstätten: Antisemitische Vorfälle verfünffachen sich in zwei Jahren
Antisemitische Vorfälle an Gedenkstätten verfünffacht

Dramatischer Anstieg antisemitischer Vorfälle an Brandenburgs Gedenkstätten

Die KZ-Gedenkstätten in Brandenburg verzeichnen einen alarmierenden Anstieg antisemitischer Vorfälle. Innerhalb von nur zwei Jahren hat sich die Zahl der dokumentierten Vorfälle von 46 im Jahr 2022 auf 211 im Jahr 2024 mehr als verfünffacht. Dies gab Kultur- und Wissenschaftsministerin Manja Schüle (SPD) am Montag in Potsdam bekannt. Die Vorfälle reichen von Hakenkreuzschmierereien bis hin zu Schülern, die im Krematorium der Gedenkstätte Ravensbrück für Fotos mit dem Hitlergruß posierten.

Gesellschaftliche Verwerfungen und Instrumentalisierung der Geschichte

„Historische Ereignisse werden für aktuelle Konflikte instrumentalisiert“, erklärte Ministerin Schüle bei der Pressekonferenz. Sie betonte, dass antisemitische Akteure gezielt versuchten, das Gedenken an die Opfer der Shoah zu tilgen. Besonders nach dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 sei ein deutlicher Anstieg der Vorfälle zu verzeichnen gewesen. Eine Gesellschaft, die ihre eigene Geschichte nicht kenne, werde auch ihre Gegenwart nicht verstehen können – genau dies sei das Ziel derjenigen, die die Mahn- und Gedenkstätten angreifen.

Axel Drecoll, Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, sprach von „wirklich erheblichen gesellschaftspolitischen Verwerfungen“, die in den Einrichtungen beobachtet würden. Der spürbare Ruck nach rechts in der Gesellschaft zeige sich auch in der Qualität und Quantität der Vorfälle. Obwohl die absoluten Zahlen bei knapp unter 500.000 Besuchern jährlich noch relativ gering seien, sei die Entwicklung besorgniserregend.

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Gedenkveranstaltungen und Erinnerungsarbeit trotz Herausforderungen

Vom 17. April bis 3. Mai planen die Gedenkstätten zahlreiche Veranstaltungen zum 81. Jahrestag der Befreiung der Konzentrationslager. Erwartet werden fünf Überlebende aus Dänemark, Deutschland, Polen und der Ukraine. In der Gedenkstätte Sachsenhausen wird am 18. April die Ausstellung „Verflochtene Geschichten. Nachkommen erzählen“ eröffnet, die den Erinnerungsprozess von Angehörigen NS-Verfolgter dokumentiert. Mit dem 101-jährigen Ukrainer Mykola Urban, der als Partisanenunterstützer in Sachsenhausen inhaftiert war, ist ein Zeitzeugengespräch in ukrainischer Sprache geplant, das sich besonders an ukrainische Geflüchtete in Deutschland richtet.

In Ravensbrück findet am 3. Mai eine zentrale Gedenkveranstaltung mit Ministerin Schüle als Hauptrednerin statt. Die Gedenkstätte im Zuchthaus Brandenburg-Görden widmet sich in diesem Jahr der vergessenen Opfergruppe der sicherungsverwahrten Häftlinge. Rund 1000 vorwiegend Kleinkriminelle wurden unbegrenzt inhaftiert und schließlich zur Ermordung in Konzentrationslager überstellt. Den Überlebenden wurde die Anerkennung als NS-Verfolgte lange verwehrt – erst 2020 billigte der Bundestag ihnen diesen Status zu, als keiner der Betroffenen mehr lebte.

Zukunftssorgen: Sanierungsbedarf und politische Abhängigkeiten

Die Gedenkstätten stehen vor multiplen Herausforderungen: Die letzten Zeitzeugen sind hochbetagt, die Erinnerungsarbeit wird zunehmend in Frage gestellt, und viele historische Gebäude als authentische Orte benötigen dringend Sanierung. „Wir brauchen die Unterstützung des Bundes, um die historischen Bauwerke in Zukunft in Stand halten zu können“, forderte Drecoll. Ohne entsprechende Mittel drohe die Baufälligkeit so zuzunehmen, dass die Gebäude nicht mehr zu retten seien.

Ministerin Schüle ergänzte: „Es ist unsere Pflicht, dafür Sorge zu tragen, dass die Zellentrakte, Mauern und historischen Gebäude in Stand gesetzt werden und als mahnendes Zeichen den nachfolgenden Generationen zur Verfügung stehen.“

Langfristig könnten den Gedenkstätten weitere Probleme drohen: Obwohl ihre Gremien ohne Mitwirkung des Landtags besetzt werden, sind sie finanziell stark von Bund und Land abhängig. Sollten rechtsextreme Kräfte hier zu Mehrheiten kommen, stünde die Zukunft der Einrichtungen in Frage. Drecoll räumte auf Nachfrage ein, für eine solche Situation keine Lösung parat zu haben: „Wir unterliegen da ganz der Landespolitik.“

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