Waschbären in Berlin: Anpassungskünstler als ungeliebte Nachbarn
In Berlin sind Waschbären längst keine Seltenheit mehr. Die Tiere mit dem charakteristisch geringelten Schwanz haben sich perfekt an das Stadtleben angepasst und sind inzwischen in der gesamten Hauptstadt verbreitet. Carolin Scholz, Biologin am Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) Berlin, bestätigt: „Sowohl in Berlin als auch bundesweit steigt ihre Anzahl kontinuierlich.“ Das Problem dabei: Konkrete Zahlen existieren nicht.
Ein hausgemachtes Problem mit langer Geschichte
Waschbären gelten in Deutschland als invasive Art, die ursprünglich nicht hier heimisch war. Ihre Verbreitung geht auf menschliches Handeln zurück. „1934 wurden erstmals vier Waschbären in Hessen gezielt freigelassen“, erklärt Scholz. „Das war der Anfang eines hausgemachten Problems.“ In den 1940er Jahren entkamen weitere Tiere aus einer Pelzfarm in Wolfshagen bei Strausberg nahe der Berliner Grenze. Seitdem hat sich ihr Bestand rasant vermehrt.
Schätzungen gehen mittlerweile von ein bis zwei Millionen Waschbären in ganz Deutschland aus. „Ohne gezieltes Monitoring und wissenschaftliche Begleitung können wir diese Zahlen nur von Nebenfaktoren ableiten“, so die Biologin. Anhaltspunkte liefern vor allem Meldungen bei Behörden und Tierorganisationen.
Zunehmende Beschwerden und Herausforderungen
Der Berliner Wildtierexperte Derk Ehlert berichtet von einem deutlichen Anstieg der Meldungen: „Vor 25 Jahren gab es im Schnitt zwei Anrufe pro Jahr. Heute rufen schätzungsweise zehn Menschen täglich an, die sich über Waschbären ärgern.“ Auch bei den Ordnungsämtern häufen sich Beschwerden über durch die Tiere verursachte Schäden.
Von 2020 bis 2025 wurden in Berlin 83 Waschbären getötet, meist zum Schutz sensibler Infrastruktur oder aus hygienischen Gründen. Die Tiere sind ausgezeichnete Kletterer und Allesfresser, die:
- Mülleimer ausräumen
- Ernteschäden in Gärten anrichten
- Gebäudeschäden an Dachböden, Ziegeln und Dämmung verursachen
- heimische Tierarten wie Amphibien, Eier und Küken fressen
Richtiges Verhalten und begrenzte Lösungsansätze
Experten raten zu klaren Verhaltensregeln im Umgang mit Waschbären:
- Keinesfalls füttern – das lockt die Tiere an
- Nicht aktiv auf die Tiere zugehen, auch wenn sie meist entspannt wirken
- Futter für Haustiere und Vögel waschbärsicher aufbewahren
- Mülltonnen sicher verschließen
- Potenzielle Brutplätze unter Dächern abdichten
Die Jagd auf Waschbären sehen Experten kritisch. „Eine nachhaltige Reduzierung durch Jagd allein wird voraussichtlich keinen Erfolg haben“, meint Ehlert. Auch Scholz betont: „Das ist immer sehr kurzfristig gedacht. Jahrzehnte von Daten zeigen, dass eine dauerhafte Populationsreduktion so nicht zu erreichen ist.“ Waschbären haben ein komplexes Sozialsystem, das auf Bejagung reagiert.
Zukunftsperspektiven: Forschung statt Abschuss
Das Leibniz-IZW plädiert für Investitionen in Forschung zu Sterilisations- und Kastrationsprogrammen. „Die Tiere könnten einfach ihr Leben weiterleben, ohne getötet zu werden“, erläutert Scholz. Aktuell werden automatisierte Fallen getestet, die mit Hilfe Künstlicher Intelligenz einzelne Individuen erkennen und durch automatische Injektion unfruchtbar machen könnten.
Die Biologin bringt es auf den Punkt: „Wir werden den Waschbären in Deutschland perspektivisch nicht mehr loswerden. Von daher sollten wir wirklich umdenken, wie wir ein ruhiges Miteinander mit dem Waschbären haben können.“ Die Anpassungskünstler sind gekommen, um zu bleiben – und fordern nun menschliche Anpassungsfähigkeit.



