Vom Neurochip zum Warzentropfen: 80-jähriger Forscher begeistert Kinder für Wissenschaft
Im Rostocker Schülerforschungslabor des Vereins MikroMint, in den Räumen der Christophorusschule, steht ein Mann, der Jahrzehnte in der internationalen Spitzenforschung gearbeitet hat. Prof. Dr. Dieter Weiss, 80 Jahre alt, ehemaliger Mitgründer des führenden Warnemünder Forschungsunternehmens NeuroProof, hat nun eine neue Mission: Kindern das Staunen über Wissenschaft zu lehren.
Vom Millionenprojekt zur frühkindlichen Bildung
Weiss, der früher millionenschwere Forschungsprojekte in Rostock, Neapel, den USA und München leitete und wesentlich zur Entwicklung von Videomikroskopie und Neurochip-Technologie beitrug, hat seinen Fokus radikal verändert. Statt künstliche Gehirne zu erforschen, zeigt er nun Kindern, wie aus gewöhnlichen Warzentropfen unter dem Mikroskop faszinierende Kunstwerke entstehen.
„Man kann nur schützen, was man kennt“, sagt Weiss und erklärt damit seine Motivation. Wer Arten schützen wolle, müsse sie benennen können. Deshalb beginnen viele MikroMint-Kurse für die Jüngsten bei der Insektenbestimmung, Pflanzenkunde und Umweltbeobachtung.
Eine Spende im hohen sechsstelligen Bereich
Der pensionierte Professor spricht selten von Mängeln im Bildungssystem – er beseitigt sie einfach. Viele Schulen verfügten nicht über Geräte oder Personal für vertiefende Projekte, also bringt er beides mit. Ein Großteil der Ausstattung der MikroMint-Labore stammt aus seinem eigenen Bestand und Spenden an den Verein.
Der Wert dieser Geräte liegt im hohen sechsstelligen Bereich, darunter eine Reihe ehemaliger High-End-Mikroskope. Diese großzügige Spende macht zweierlei deutlich: wie materialintensiv naturwissenschaftliche Frühbildung ist – und wie sehr die Bildungslandschaft auf engagierte Menschen angewiesen bleibt, die finanzielle und personelle Lücken schließen.
Vom kleinen Labor zur landesweiten Initiative
Was 1996 mit der Gründung des gemeinnützigen Instituts für Zelltechnologie begann und 2017 mit dem MikroMint Schülerforschungszentrum Rostock startete, hat sich zu einer der größten Schülerforschungsinitiativen Mecklenburg-Vorpommerns entwickelt. Aus einem anfänglich kleinen Schülerlabor in Gelbensande entstand in kaum zehn Jahren ein Netzwerk mit Standorten in Rostock, Sanitz, Ribnitz-Damgarten, Stralsund – und bald auch in Wismar und Neubrandenburg.
Rund 300 Schüler nehmen wöchentlich die vielseitigen Angebote wahr, die Tendenz ist steigend. Im vergangenen Jahr gab Weiss den Vereinsvorsitz an seinen Nachfolger Thomas Borowitz ab, bleibt aber aktiv als Ermöglicher und Mentor.
Wissenschaft als sinnliche Erfahrung
Im Labor zeigt Weiss, wie aus einem farblosen Tropfen Warzentropfen unter polarisiertem Licht ein abstraktes Kunstwerk wird. „Die Kinder sehen die Ergebnisse der Arbeit nicht nur wissenschaftlich, sondern auch künstlerisch“, erklärt er mit einem Lächeln. An den Wänden hängen Bilder von geschmolzenem Koffein, Glutamat und Schmerzmitteln – allesamt in bunten, außerweltlichen Mikroskopie-Aufnahmen, die regelmäßig bei Wissenschafts- und Fotowettbewerben eingereicht werden.
Im Nebenraum stapeln sich technische Komponenten, Roboterteile und eine Arena für Roboterwettkämpfe. Hier lötet der zehnjährige Iago unter Anleitung eines Ehrenamtlichen der Firma Liebherr an einer Platine. Der gleichaltrige Oskar programmiert bereits seinen eigenen Web-Browser.
Bildung als aktive Tätigkeit
Weiss' Engagement erscheint als bildungspolitische Haltung in praktischer Form: Fehlen Geräte, bringt man sie; fehlt Personal, bildet man aus und akquiriert Ehrenamtliche; werden Begriffe wie „Klimawandel“ zu abstrakten Chiffren, liefert man die konkreten Prozesse dahinter.
„Wer eine Blattader verfolgt, eine Schabe bestimmt, einen Taktgeber lötet oder ein Programm debuggt, erfährt, dass Wissen eine Tätigkeit ist“, sagt Weiss. „Schön, nicht?“
Der 80-Jährige wirkt dabei nicht wie ein Mahner oder Erklärbär, sondern wie ein Ermöglicher, der Kinder ernst nimmt – ebenso wie die Geräte und die Zeit, die er investiert. Vielleicht ist dies die eigentliche Botschaft von MikroMint: ermöglichen.
Das Staunen als Anfang und Ziel
Wenn Weiss über die nächsten Schritte spricht – neue Standorte, Kurse und Kooperationen –, bleibt er sachlich. Das große Pathos überlässt er anderen. Er erzählt lieber von Chemie und den Strukturen, die im polarisierten Licht sichtbar werden; von Apps, die den ersten Zugang erleichtern; und von Gesichtern, die sich erhellen, wenn etwas plötzlich Sinn ergibt.
„Wir sehen, dass die Kinder mit einer neuen Perspektive gehen“, sagt Weiss. „Bildung ist Veränderung – und wir geben ihnen die Chance, Teil davon zu sein.“ Das Staunen sei dabei oft der Anfang. „Und manchmal“, fügt er nachdenklich hinzu, „ist es auch das Ziel.“



