Abgestumpfte Pendler und Politikverdrossenheit: Das Bahn-Chaos als Symptom
Abgestumpfte Pendler: Bahn-Chaos als Symptom

Endlose Verzögerungen: Bahn-Chaos entlarvt tiefe Politikverdrossenheit

Die Hiobsbotschaft traf die Pendler zwischen Berlin und Hamburg völlig unerwartet. Nach bereits sechs Monaten Bauzeit an einer der wichtigsten Bahnverbindungen Deutschlands musste die Deutsche Bahn überraschend feststellen: Der Winter bringt winterliche Bedingungen mit sich. Diese banale Erkenntnis hat schwerwiegende Konsequenzen. Die für Ende April geplante Fertigstellung der Generalsanierung verzögert sich auf unbestimmte Zeit. Zehntausende Pendler in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Berlin, Hamburg und Schleswig-Holstein müssen damit weiterhin lange Umwege und massive Zeitverluste hinnehmen.

Resignation statt Empörung: Das Vertrauen ist verloren

Das eigentlich Bemerkenswerte an dieser Situation sind jedoch nicht die baulichen Probleme, sondern die Reaktionen der Betroffenen. Wer erwartet hatte, dass die Pendler aus verständlichen Gründen in den Empörungsmodus schalten würden, sah sich gründlich getäuscht. Statt Wut und Frust zeigen sich die Menschen in sozialen Medien und Gesprächen vor allem eines: völlig desillusioniert. „War doch klar, dass die Deutsche Bahn auch das nicht hinbekommt“ – dieser resignative Tenor zieht sich durch unzählige Kommentare und Äußerungen.

Empörung und Enttäuschung scheinen gestern gewesen zu sein. Heute herrschen Lethargie, Abgestumpftheit und eine fast schon teilnahmslose Hinnahme des Chaos. Der Pendler wendet sich ab, Desinteresse macht sich breit. Das Vertrauen in ein Staatsunternehmen wie die Deutsche Bahn ist bei vielen komplett verloren gegangen. Doch diese Entfremdung beschränkt sich nicht auf staatliche Institutionen.

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Politik im Abwärtstrend: Vom Bobby-Car-Skandal zur Skandälchen-Toleranz

Vor gerade einmal 15 Jahren trat ein Bundespräsident noch wegen eines Bobby-Car-Geschenks für seinen Sohn zurück. Heute tendiert die Erwartungshaltung der Bürger an Politik und Parteien offenbar gegen Null. Der Wähler winkt Skandälchen und Affärchen durch – mal mehr, mal weniger angewidert, aber letztlich gleichgültig. Alle Parteien sitzen mittlerweile im Glashaus und können kaum noch mit moralischer Autorität auftreten.

Die AfD erreicht in Mecklenburg-Vorpommern trotz eigener Vetternwirtschaftsvorwürfe Rekordwerte in Umfragen. Die SPD im Nordosten leistet sich einen Landrat, der gerne auf Steuerzahlerkosten in Luxushotels logiert und in der Gunst von Ministerpräsidentin Manuela Schwesig ganz oben steht. Zudem beschäftigen die Sozialdemokraten mit Lilly Blaudszun als „Leiterin Kommunikation“ eine Teilzeitkraft, die parallel für eine Unternehmensgruppe arbeitet, deren Mitglieder bereits lukrative Aufträge von der SPD-geführten Landesregierung erhalten haben.

Bei den Linken werden Posten in der Rostocker Stadtverwaltung ausgehandelt, und eine Ministerin plant ihren Urlaub mit Sohn unabhängig von allgemeinen Ferienterminen. Die Grünen versinken derweil in internen Querelen um Machtmissbrauch und Belästigungsvorwürfen. Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen schmeißen – diese Erkenntnis scheint bei allen etablierten Parteien verloren gegangen zu sein.

Angriffe verpuffen: Der Bürger kann nicht mehr hören

Dieser Zustand hilft vor allem einer Partei: der AfD. Doch nicht nur die eigenen Skandale der etablierten Parteien stützen die Rechtspopulisten. Es scheint sich langsam abzunutzen, dass der links-grüne öffentliche Mainstream permanent auf die AfD eindrischt. Wenn es immer nur gegen eine Partei geht, verlieren die Attacken irgendwann ihre Wucht. Die Angriffe werden zur Gewohnheit – und verpuffen beim Wähler.

Er will und kann all das nicht mehr hören – so wie der Bürger nicht mehr hören kann, dass die Bahn zu allen vier Jahreszeiten immer wieder unpünktlich kommt. Die ständigen Negativmeldungen, die endlosen Skandale, die nicht enden wollenden Probleme bei der Infrastruktur: All das führt zu einer gefährlichen Abstumpfung.

Stillstand auf der Baustelle und in der Politik

Das abgestumpfte Abwenden von Politik und Staat kann auf Dauer kaum tragen. Irgendwie wabert der Wunsch nach Veränderung durch Deutschland, doch wie diese aussehen soll, weiß keiner so recht. Die Folge ist ein doppelter Stillstand: auf der Bahn-Baustelle zwischen Berlin und Hamburg und in der politischen Landschaft des Landes.

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Deutschland kann es eben nicht – dieser Gedanke beschleicht nicht nur die Pendler, die täglich mit den Folgen des Bahn-Chaos konfrontiert sind. Er wird zum gefährlichen Allgemeinplatz in einer Gesellschaft, die das Vertrauen in ihre Institutionen und die demokratischen Prozesse zunehmend verliert. Die Sanierung der Bahnstrecke ist dabei nur das sichtbarste Symptom einer viel tiefer liegenden Krise.