Bäckereisterben in Mecklenburg-Vorpommern: Nur noch 132 Backstuben im Land
Frische Brötchen und duftendes Brot – dieses sinnliche Erlebnis wird in Mecklenburg-Vorpommern immer seltener. Die Entwicklung scheint unaufhaltsam: Immer mehr Bäckereien stehen vor dem Aus. Große Unternehmen, kleine Traditionsbetriebe und Familienfirmen sind gleichermaßen betroffen. Zuletzt sorgten die insolvente Bäckerei Deuse und die wirtschaftlich schwer angeschlagenen Mecklenburger Backstuben für Schlagzeilen, wobei letztere sich aktuell ebenfalls im Insolvenzverfahren befindet.
„Der Geruch frischer Brötchen“ fehlt im dörflichen Leben
René Domke, Noch-Sprecher der FDP-Gruppe im Landtag, betont die verheerenden Auswirkungen der Pleitewelle, die durch die Bäckereilandschaft in MV schwappt. „Es gibt Dinge, die man nicht digitalisieren kann. Der Geruch frischer Brötchen am Samstagmorgen gehört dazu. Die Bäckerei, in der man seit Jahrzehnten weiß, was man bestellt, bevor man den Mund aufmacht. Der Bäcker, der um vier Uhr morgens anfängt, damit um sieben der Korb voll ist. Das ist kein Nostalgiebild – das ist in vielen Dörfern und Kleinstädten in Mecklenburg-Vorpommern die letzte verbliebene Infrastruktur des täglichen Lebens.“
Domke, der am Mittwoch seinen Posten als Vize-Bürgermeister in Wismar antritt, warnt: „Die Schlachter sind weg. Die Schlosser sind weg. Die Buchhandlungen sind weg. Wenn jetzt auch noch die Bäckerei schließt, ist der Ort kein Ort mehr – er ist eine Schlafstätte.“
Dramatischer Rückgang seit dem Jahr 2000
Die Zahlen sind alarmierend: Von 311 handwerklichen Bäckereien im Jahr 2000 sind heute nur noch 132 übrig. Domke sieht darin kein Marktversagen, sondern politisches Versagen. „Hohe Energiekosten, ausufernde Bürokratie, erdrückende Lohnzusatzkosten – und ein Wettbewerb mit Discountern, die das Brötchen für 19 Cent anbieten können, weil sie industriell produzieren, was der Handwerksbetrieb vor Ort mit eigenem Personal und eigenem Können herstellt.“
Dies sei kein fairer Wettbewerb, sondern ein strukturelles Problem, das politische Antworten benötige. Die handwerkliche Qualität und persönliche Dienstleistung könnten mit den industriellen Massenprodukten der Discounter preislich nicht mithalten.
FDP fordert konkrete politische Maßnahmen
Vor dem Hintergrund dieser dramatischen Situation im Bäckereihandwerk fordert die FDP laut Domke ein Bürokratie-Moratorium für Handwerksbetriebe. Zudem müsse eine spürbare Senkung der Energiekosten durch den Abbau staatlicher Abgaben und Umlagen erfolgen. Steuerliche Erleichterungen für Betriebsübergaben und Neugründungen im ländlichen Raum seien ebenfalls dringend notwendig.
„Wer das Handwerk retten will, muss es endlich von den Fesseln befreien, die ihm die Politik selbst angelegt hat“, macht der FDP-Politiker deutlich. Mecklenburg-Vorpommern sei ein Land, das wisse, was es bedeute, wenn Strukturen wegbrechen würden. „Wir sollten es besser wissen, als tatenlos zuzusehen, wie das nächste Stück Alltagskultur still verschwindet – Ofen für Ofen, Dorf für Dorf.“
Die Bäckereien sind mehr als nur Wirtschaftsbetriebe – sie sind ein Stück Heimat, das mit ihrem Verschwinden auch ein Stück dörflicher Identität und sozialer Infrastruktur verloren geht. Die politischen Weichenstellungen der kommenden Monate werden entscheiden, ob dieser Trend gestoppt werden kann.



