Historische Entscheidung in Neubrandenburg: DDR-Fresken bleiben unverhüllt
In einer denkwürdigen Sitzung haben die Stadtvertreter von Neubrandenburg am Dienstag über das Schicksal der monumentalen DDR-Wandbilder im Rathaus entschieden. Mit knapper Mehrheit votierten sie dafür, dass die großformatigen Kunstwerke des Malers und Grafikers Wolfram Schubert dauerhaft sichtbar bleiben und nicht durch elektrische Rollos verdeckt werden.
Knappes Votum für die Sichtbarkeit
Die Abstimmung verlief äußerst knapp: Für die Variante ohne Rollos stimmten 18 Stadtvertreter, während 15 dagegen votierten. Die gesamte Beschlussvorlage wurde anschließend mit 20 zu 12 Stimmen angenommen. Während die nun beschlossene Lösung keine zusätzlichen Kosten verursacht, hätte die Installation von elektrischen Rollos rund 11.000 Euro gekostet.
Es handelt sich dabei nicht um die erste bedeutende Entscheidung zu diesen Kunstwerken. Bereits Ende 2023 hatten die Stadtvertreter beschlossen, die in den Jahren 1968 und 1969 entstandenen Fresken freizulegen. Zuvor waren die jeweils 1,7 Meter hohen und 6,5 Meter breiten Werke Anfang der 1990er-Jahre mit Tapeten überklebt worden.
Kunst als Teil der Stadtgeschichte
Die Stadt Neubrandenburg beschreibt die Fresken mittlerweile als wieder sichtbaren „Teil der Neubrandenburger Stadtgeschichte“. Eine politische Einordnung könne vor dem Original vollzogen werden, so die offizielle Positionierung. Die Wandbilder entstanden im Rahmen des 20. Jahrestags der DDR und zeigen in typischer Simultankomposition der 1960er Jahre den Klassenkampf des Proletariats zur Abschaffung kapitalistischer Verhältnisse.
Bei der feierlichen Vorstellung der freigelegten Wandbilder im Jahr 2023 war auch der mittlerweile 99-jährige Künstler Wolfram Schubert anwesend. Schubert, der von 1965 bis 1988 Vorsitzender des Bezirksvorstandes Neubrandenburg des Verbandes Bildender Künstler der DDR war, wird am 30. September seinen 100. Geburtstag feiern können.
Technische und konservatorische Hürden
Ursprünglich war im Rahmen der Freilegungsentscheidung auch die Anbringung einer Spezialglasverkleidung vorgesehen. Aus konservatorischer Sicht gab es jedoch erhebliche Bedenken:
- Gefahr von Schimmelbildung hinter der Glasverkleidung
- Mangelnde Erreichbarkeit der Kunstwerke für regelmäßiges Monitoring
- Unzureichende Tragfähigkeit der Säulen für die geplante Glaskonstruktion
Diese technischen und konservatorischen Probleme führten dazu, dass schließlich nur noch zwischen der dauerhaften Sichtbarkeit und einer Verdeckung durch Rollos entschieden werden konnte.
Kontroverse Meinungen in der Bevölkerung
Die Entscheidung der Stadtvertreter hat in der Bevölkerung unterschiedliche Reaktionen hervorgerufen. Während der Neubrandenburger Reiner Wieland die ungehinderte Sichtbarmachung als „Ermöglichung der Geschichtsaufarbeitung für den mündigen Bürger“ bewertet, sieht André Rohloff, Landesvorsitzender der Vereinigung der Opfer des Stalinismus in Mecklenburg-Vorpommern, die Sache kritischer.
Rohloff erklärte: „Die Entscheidung der Stadtvertreter erweckt den Eindruck, dass hier eine Verherrlichung von DDR-Kunst stattfindet. Für mich ist die Entscheidung ein besorgniserregender Schritt in Richtung Verleugnung des DDR-Unrechts.“
Die kontroverse Diskussion zeigt, dass die DDR-Wandbilder im Neubrandenburger Rathaus nicht nur kunsthistorische, sondern auch politische Bedeutung besitzen. Mit ihrer dauerhaften Sichtbarkeit bleiben sie nun ein sichtbarer Teil der Stadtgeschichte, der zur Auseinandersetzung mit der Vergangenheit einlädt.



