Ex-RAF-Terroristin Silke Maier-Witt kehrt nach Neubrandenburg zurück: Offene Worte über Schuld und DDR-Vergangenheit
Ex-RAF-Terroristin spricht in Neubrandenburg über Schuld und DDR

Ehemalige RAF-Terroristin kehrt für Lesung nach Neubrandenburg zurück

Zweieinhalb Jahre lang lebte die ehemalige RAF-Terroristin Silke Maier-Witt in den 1980er-Jahren in Neubrandenburg. Jetzt ist sie für eine außergewöhnliche Lesung in die Stadt zurückgekehrt, die schnell ausverkauft war. Vor 130 aufmerksamen Zuhörern in der Thalia-Buchhandlung im Marktplatz-Center sprach die heute 75-Jährige offen über Schuld, Reue und ihre bewegte Vergangenheit.

Schüler erhalten seltene Einblicke in deutsche Zeitgeschichte

Pedro Schönle-Sithoe, Schulleiter der Neuen Friedländer Gesamtschule, gelang es, für seine Zwölftklässler des Geschichtsleistungskurses Karten zu ergattern. Die Schüler Lennie Schierhorn und Artur Rössler, die sich aktuell mit DDR-Geschichte beschäftigen, zeigten sich bestens vorbereitet und fasziniert von den persönlichen Einblicken. Sie konnten ebenso wie das restliche Publikum bei bestimmten Erzählungen der Autorin lachen, was die lebendige Atmosphäre der Veranstaltung unterstrich.

Viele der anwesenden Zuhörer kannten Silke Maier-Witt noch aus gemeinsamen Zeiten im VEB Pharma oder von anderen Begegnungen in der DDR. Dies schuf eine besondere Verbindung zwischen der Rednerin und ihrem Publikum, die die historische Dimension der Veranstaltung zusätzlich vertiefte.

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RAF-Mitglieder fanden Asyl in der DDR

Die Rote Armee Fraktion, die in den 1970er-Jahren in der Bundesrepublik durch Morde, Entführungen und Anschläge Angst und Schrecken verbreitete, hatte auch Verbindungen in den Osten Deutschlands. Mitglieder der zweiten Generation tauchten in der DDR unter, wo ihnen die Staatssicherheit Asyl gewährte. Insgesamt zehn RAF-Terroristen erhielten neue Identitäten, Ausbildung, Arbeit und Wohnungen – natürlich unter strenger Rundumüberwachung durch den Geheimdienst.

„Der Geheimdienst wusste schließlich genau, wen man sich da ins Land geholt hatte“, erklärte Maier-Witt während der Lesung. Erst im Juni 1990 konnten die letzten RAF-Terroristen festgenommen und verurteilt werden, darunter auch Silke Maier-Witt selbst.

Schuld und Reue: Eine persönliche Aufarbeitung

In ihrer 2025 veröffentlichten Biografie versucht Silke Maier-Witt, ihre Beweggründe für den Eintritt in die RAF zu erklären, ohne dabei zu verklären oder zu beschönigen. Vor den Zuhörern sprach sie offen über Schuldgefühle und Reue. „Obwohl ich nie selbst geschossen und getötet habe, war ich durch meine Unterstützertätigkeiten dennoch Mittäterin“, gestand sie.

Zu ihren Aufgaben in der RAF gehörten Kurierdienste, Informationsbeschaffung, Schmuggel und Spurenbeseitigung – Tätigkeiten, die sie damals als eher enttäuschend empfand. Nur zwei Jahre, von 1977 bis 1979, blieb sie in der terroristischen Vereinigung. Die Begriffe „Rausschmiss“ und „Ausstieg“ verwendet sie dabei immer wieder in einem Atemzug, was ihre ambivalente Haltung zu dieser Lebensphase verdeutlicht.

Leben in der DDR: Vom Westterroristen zur DDR-Bürgerin

1980 holte die Stasi Silke Maier-Witt in die DDR. Aus der Illegalität kommend, sollte sie zur unauffälligen DDR-Bürgerin „Angelika Gerlach“ werden. Die Stasi erfand für sie eine hanebüchene Biografie: „Mutter früh gestorben, Bruder früh gestorben, Vater beim Autounfall gestorben – das glaubt doch kein Mensch“, kommentierte sie die obskuren Erfindungen damals schon kritisch.

Auf die Frage einer Zuhörerin, ob sie in dieser Zeit Kontakt zu ihrer Familie gehabt habe, antwortete sie mit einem klaren Nein. „Es war unsere revolutionärste Pflicht, nicht aufzufallen“, erklärte sie die strikte Isolation, die mit dem Untertauchen einherging.

Alltagserfahrungen zwischen Witz und Wirklichkeit

Nicht ohne unterschwelligen Witz berichtete Maier-Witt von ihren ersten Eindrücken in der DDR. Mit ihrer D-Mark wusste sie im Intershop nichts anzufangen. „Hier gab es nichts, was ich brauchte“, erinnerte sie sich. Der folgerichtige Umtausch in Mark der DDR bei der Bank brachte ihr nur ungläubiges Kopfschütteln ein – eine Anekdote, die bei den ehemaligen DDR-Bürgern im Publikum für verständnisvolles Lachen sorgte.

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Über die DDR wusste sie damals wenig, fand aber deren Außenpolitik grundsätzlich gut. Erst später erkannte sie die schwierigen Ausgangsbedingungen des Landes: „Es mussten Reparationsleistungen an die UdSSR gezahlt werden. Der Westen war hiervon weitgehend verschont geblieben. Und es gab die Mauer und alles war so grau.“

Kritische Beobachterin des DDR-Alltags

Trotz ihrer grundsätzlichen Sympathie für sozialistische Ideale blieb Silke Maier-Witt nicht unkritisch. Den Einmarsch der sowjetischen Armee in Afghanistan empfand sie als „törichten Versuch, einem Volk den Sozialismus aufzuzwingen“. Im VEB Pharma erlebte sie die DDR-Mangelwirtschaft hautnah: „Der einzige Computer sei aus dem Westen gekommen. Es hat eigentlich immer was gefehlt. Ich habe gemerkt, so konnte es mit der DDR nicht weitergehen.“

Ihrer antikapitalistischen Einstellung blieb sie dennoch treu. Sie gestaltete freiwillig die Wandzeitung, trat in die SED ein und fand sogar den „Schwarzen Kanal“ gut – eine Aussage, die das Publikum mit amüsiertem Raunen quittierte. Diese politische Aktivität machte sie in ihrer Arbeitsumgebung auffällig und brachte ihr Tadel von „Gerd“, ihrem Stasi-Verbindungsmann und „Kümmerer“, ein.

Zweimal fast aufgeflogen: Das unstete Leben im Untergrund

Zweimal flog Silke Maier-Witt in der DDR fast auf. Zweimal hieß es, von jetzt auf gleich den Ort zu wechseln. Anstehende Prüfungen für ihre Ausbildung zur Krankenschwester mussten ausfallen. Neue Orte, neue, immer schlechtere Legenden von der Stasi erwarteten sie.

In Neubrandenburg hieß sie plötzlich „Sylvia Beyer“ und war angeblich in Moskau geboren. Der Hinweis des KGB an die Stasi noch in Erfurt 1986 zu ihrer falschen Identität bezeichnete sie als „Supergau für mich und die DDR“. Ironisch fügte sie hinzu: „Aber wählen gehen musste ich noch.“

Anhaltendes Interesse an jüngerer deutscher Geschichte

Die jüngere deutsche Geschichte ist offensichtlich kein Langeweile-Thema. Nach über zwei Stunden konzentriertem Gespräch war noch lange nicht Schluss für die wache Silke Maier-Witt. Viele Zuhörer nutzten die Gelegenheit für persönliche Gespräche und Autogramme.

Über die lange Schlange beim Signieren lästerte ein Gast: „Das ist wie früher in der sozialistischen Wartegemeinschaft.“ Ein humorvoller Kommentar, der die besondere Atmosphäre dieser außergewöhnlichen Veranstaltung in Neubrandenburg treffend zusammenfasste.