Fahrlehrer schlagen Alarm: Sparpläne beim Führerschein bergen Risiken
Die Bundesregierung plant eine umfassende Reform der Fahrschulausbildung, um den Führerschein günstiger zu machen. Doch erfahrene Fahrlehrer aus Mecklenburg-Vorpommern warnen eindringlich vor den Konsequenzen. Sie befürchten, dass weniger Pflichtstunden und eine stärkere Digitalisierung die Verkehrssicherheit gefährden könnten.
Vier Jahrzehnte Erfahrung sprechen gegen reines Selbststudium
Erwin Lilya aus Schwerin blickt auf mehr als vier Jahrzehnte als Fahrlehrer zurück. Seit 1978 hat er Fahrschüler unterrichtet und ist heute im Ruhestand. Die geplanten Änderungen machen ihn jedoch besorgt. „Ohne richtigen Unterricht geht das nicht“, betont der 75-Jährige mit Nachdruck. Er verweist auf die 14 Themenkomplexe mit knapp 100 Unterpunkten, die in der Ausbildung behandelt werden müssen.
Dazu gehören essenzielle Bereiche wie Vorfahrtsregeln, Gefahrenlehre, Autobahnfahrten und das Verhalten bei Nacht. „Und all das sollen die Fahrschüler laut Politikern alleine lernen?“, fragt Lilya kritisch. Er berichtet von Schülern, die Prüfungsfragen zwar auswendig lernen konnten, aber fundamentale Verkehrsbegriffe nicht erklären konnten. Das Thema Gefahrenabwehr könne keine App vermitteln, so seine klare Aussage.
Drastische Kürzung der Sonderfahrten sorgt für Unverständnis
Besonders umstritten ist die geplante Reduzierung der verpflichtenden Sonderfahrten. Bislang sind zwölf solcher Fahrten vorgeschrieben, darunter Autobahn-, Überland- und Nachtfahrten. Künftig sollen es nur noch drei sein. „Eine Stunde Autobahn? Das ist ein Witz“, kommentiert Lilya diese Pläne. Seiner Erfahrung nach reicht diese Zeit nicht aus, um essenzielle Fähigkeiten zu erlernen.
Dazu gehören das Einfädeln in den Verkehrsfluss, sicheres Überholen, das Einhalten von Abständen und das korrekte Lesen von Verkehrsschildern. Vielmehr brauche es umfangreiche Erfahrungswerte im Umgang mit komplexen Situationen wie Stau, Wildwechsel oder plötzlich abbremsenden Lastwagen. „Wenn man hier im Unterricht kürzt, gibt es mehr Unfälle“, prognostiziert der erfahrene Fahrlehrer.
Fahrlehrerverband warnt vor realitätsfernen Versprechungen
Christin Knochenhauer, Vorsitzende des Fahrlehrerverbandes Mecklenburg-Vorpommern aus Ueckermünde, unterstützt diese Kritik. „All das gelingt nur mit Erfahrungswerten“, betont sie in Bezug auf Überlandfahrten bei Nacht, hohe Geschwindigkeiten und Autobahnfahrten. Auch die geplante Abschaffung des Präsenzunterrichts lehnt sie entschieden ab.
Knochenhauer weist darauf hin, dass bestimmte Themengruppen sich nur gemeinsam erarbeiten lassen. Diskussionen über Gefahrensituationen und das Abwägen von Reaktionen seien ein wichtiger Erfahrungsaustausch in Unterrichtsgruppen. „Nicht jeder Fahrschüler verfügt über die Kompetenz, sich alles digital zu erarbeiten“, gibt sie zu bedenken. Zudem berge das Lernen am Handy die Gefahr der Ablenkung.
Hohe Kosten haben nachvollziehbare Gründe
Die Politik argumentiert mit explodierenden Preisen in den Ausbildungsstellen. Die Fahrlehrer verweisen jedoch auf objektive Kostentreiber. Erwin Lilya betont: „Die Fahrlehrer machen ihre Preise nicht bewusst hoch“. Steigende Spritpreise, Versicherungen, Werkstattkosten und die Anschaffung von Fahrschulfahrzeugen seien wesentliche Faktoren.
Christin Knochenhauer konkretisiert mit Zahlen: Während ein Mittelklasse-Fahrschulwagen vor 2020 noch etwa 25.000 Euro kostete, werden heute fast 50.000 Euro fällig. „Je nach Anforderung müssen wir für jeden Fahrlehrer zwei Fahrzeuge vorhalten, Schalter und Automatik“, erklärt die Verbandsvorsitzende. Hinzu kommen Mieten für Schulungsräume, Personalkosten, Krankenkassenbeiträge und Steuern.
Führerschein als lebenslange Investition
Knochenhauer plädiert für eine andere Perspektive auf die Kosten: „Der Erwerb einer Fahrerlaubnis ist für das gesamte Leben“. Rechne man die durchschnittlichen Kosten von etwa 3.400 Euro auf 80 Jahre um, relativiere sich die Summe erheblich. Zum Vergleich nennt sie Ausgaben für Musik-Apps oder Streamingdienste über die Lebenszeit.
Erwin Lilya ergänzt mit Nachdruck: „Man kann beim Fahren nicht sparen. Man muss die Stunden nehmen, wie der Fahrlehrer es vorgibt“. Beide Experten sind sich einig, dass eine Modernisierung der Fahrschulausbildung durchaus möglich ist. Prüfungsfragen könnten überarbeitet und digitale Angebote sinnvoll ergänzt werden.
Doch eine reine Verschlankung der Pflichtstunden gefährdet aus ihrer Sicht die Verkehrssicherheit nachhaltig. „Die Politiker sollen sich mal mit Fahrlehrern unterhalten“, fordert Lilya abschließend und verweist auf den wertvollen Erfahrungsschatz der Praktiker.



