Falknerei in Mecklenburg-Vorpommern: Vom Aussterben bedroht zu neuem Leben erweckt
Die Falknerei, eine jahrhundertealte Jagdkunst, erlebt in Mecklenburg-Vorpommern eine bemerkenswerte Renaissance. Gerd Borgwardt aus Demmin, ein erfahrener Falkner mit über 50 Jahren Praxis, führt diese Tradition fort und zeigt, wie die Beizjagd mit Greifvögeln funktioniert. Auf seiner Anlage beheimatet er vier Wanderfalken, von denen zwei zur Jagd eingesetzt werden und zwei für Zuchtzwecke dienen. Doch der Weg dahin war lang und von historischen Wendungen geprägt.
Von der DDR-Zeit bis zur Wiederbelebung
Begonnen hat Borgwardts Leidenschaft 1976, als er durch seinen Schwiegervater, der eine Schliefanlage für Jagdhunde betrieb, den Falkner Friedrich Jabs kennenlernte. „Ich war begeistert und entschied mich, mitzumachen“, erinnert sich Borgwardt. 1978 legte er die Jagd- und Falknerprüfung ab, doch zu DDR-Zeiten waren Falken nahezu ausgestorben, sodass zunächst nur mit Habichten gejagt wurde. Erst durch Kontakte zu westdeutschen Falknern bei Besuchen in Polen 1986 und 1989 lernte er den Umgang mit Falken kennen und konnte diese Tradition wiederbeleben.
Historische Bedeutung und moderne Anerkennung
Die Falknerei hat eine tiefe historische Verwurzelung, besonders beim Adel. Kaiser Friedrich II. (1194-1250) war ein bedeutender Falkner, und sein Werk „De arte venandi cum avibus“ gilt noch heute als Nachschlagewerk. In der DDR wurde die Falknerie überraschenderweise nicht als feudales Überbleibsel abgetan, sondern als nationales Kulturerbe gepflegt. Seit 2021 ist sie von der UNESCO als Immaterielles Kulturerbe der Menschheit anerkannt, mit Beteiligung vieler Staaten von Marokko bis Südkorea.
Aufwendiges Training und Jagdpraxis
Die Jagd mit Wanderfalken erfordert intensive Vorbereitung. Borgwardt erklärt: „Die Jagd mit Wanderfalken ist ganz anders als mit dem Habicht.“ Zunächst müssen die Vögel auf das ideale Jagdgewicht gebracht werden – 700 Gramm für den männlichen Terzel und 1000 Gramm für das weibliche Weib. Das Training umfasst:
- Anlegen der Lockschnur, um Reflexe auf die Faust des Falkners zu konditionieren
- Einsatz einer Beuteattrappe und Gewöhnung an die Stimme des Falkners mit Schutzhaube
- Übungsflüge im freien Gelände an einer langen Schnur
- Erster Freiflug mit Sender auf dem Rücken des Falken
Die Jagdsaison in der Region dauert von September bis Mitte Januar, und Borgwardts Revier erstreckt sich um die Tollense und anliegende Gräben, wo seine Falken Stockenten jagen.
Engagement und Gefahren für Greifvögel
Neben der Jagd engagiert sich Borgwardt in der Horstsuche für Seeadler, Fischadler und Wanderfalken sowie in Beringungsaktionen. Er warnt vor den größten Gefahren: „Die Vogelgrippe und die mittlerweile große Zahl an Windrädern bedrohen unsere Vogelwelt.“ Als einer von 37 Falknern in Mecklenburg-Vorpommern und berufener Prüfer für Neueinsteiger setzt er sich für den Erhalt der Art ein. Ein besonderes Erlebnis war für ihn die Beobachtung eines baumbrütenden Falkenpaares im Jahr 2000, nachdem der Landesjagdverband 1995 mit Auswilderungen begonnen hatte.



