Bewegende Flucht-Geschichten: Lesung in Güstrow bewahrt Erinnerungen an 1945
Flucht-Geschichten: Lesung in Güstrow bewahrt Erinnerungen

Bewegende Flucht-Geschichten: Lesung in Güstrow bewahrt Erinnerungen an 1945

Erschütternde Erlebnisse prägten die Menschen vor rund 80 Jahren während der letzten Kriegswirren des Zweiten Weltkriegs. Die heute über 80-Jährigen erinnern sich an Hunger, Tod, Flucht und bestialische Szenen, die sich heute kaum jemand vorstellen kann. Ein Buchprojekt des Nordkurier-Journalisten Frank Wilhelm bewahrt diese Erinnerungen vor dem Vergessen.

Grauen ohne Ende: Zeitzeugenberichte aus Mecklenburg-Vorpommern

Seit 2015 sammelt Frank Wilhelm die Erinnerungen von Zeitzeugen an die letzten Monate des Zweiten Weltkriegs und die ersten Monate des Friedens im Jahr 1945. In insgesamt neun Bänden hat er beeindruckende Erinnerungsberichte, authentische Tagebücher und zahlreiche Fotos aus privaten Archiven dokumentiert. Der neunte Band enthält 20 Geschichten, die sich überwiegend aus den Erinnerungen von Menschen speisen, die in den letzten Kriegs- und ersten Friedenswochen auf der Flucht waren.

Die junge Leonore Beck aus Schwerin musste am 8. Mai 1945 die zu Skeletten abgemagerten Leichen der Häftlinge des Konzentrationslagers Wöbbelin mit ansehen. „Beim Anblick des ersten Toten in der Gruft befiel mich ein leichtes Schwindelgefühl. Es war ein Grauen ohne Ende, was sich da unseren Augen bot“, schrieb sie in ihr Tagebuch. Diese und andere bewegende Schilderungen werden in einer Lesung in Güstrow präsentiert.

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Lesung in der Uwe-Johnson-Bibliothek: Authentische Stimmen aus der Vergangenheit

Frank Wilhelm und seine Frau Kerstin Fiedler-Wilhelm, die auch die Geschichten lektoriert hat, gestalten eine Lesung in der Uwe-Johnson-Bibliothek Güstrow. Sie lesen abwechselnd die männlichen und weiblichen Zeugenaufzeichnungen vor. Sechs Geschichten präsentieren sie in der Barlachstadt, darunter die bewegende von Benno Pubanz, Literatur-Dozent an der früheren Pädagogischen Hochschule Güstrow, der mit seiner Familie Richtung Westen floh.

Ebenfalls enthalten sind die Tagebuchaufzeichnungen zweier katholischer Pastoren aus Schwerin und Neustrelitz, die an Elend, Plünderungen und Vergewaltigungen erinnern. Besonders eindrücklich ist die Geschichte von Horst Mikolaizak aus Pasewalk, dessen Stiefmutter bei einem Fliegerangriff bei Woldegk getötet wurde. Der damals erst 12-Jährige war plötzlich allein verantwortlich für seine vier jüngeren Geschwister.

Historische Filmaufnahmen und tiefe Betroffenheit

Die Lesung wird durch historische Filmaufnahmen ergänzt. Eine US-Spezialeinheit hat Anfang Mai 1945 mehrere kurze Filme in Schwerin und Westmecklenburg über das Ende des Krieges gedreht. Diese Aufnahmen wurden vom SVZ-Videoteam zu einem Dokumentarfilm verwoben und werden während der Veranstaltung gezeigt. Ein weiterer Schwarz-Weiß-Film dokumentiert die kampflose Einnahme von Schwerin am 2. Mai 1945 durch die Amerikaner.

„Immer ist es an diesen Abenden so still, dass man eine Stecknadel fallen hören könnte, immer herrscht Betroffenheit“, schildert Frank Wilhelm die Erfahrungen solcher etwa 1,5 Stunden währenden Abende, die mit Musik untermalt werden. Oft lauschen Ältere ab 60 Jahren, aber auch die jüngere Generation zeigt großes Interesse. Im Anschluss besteht stets das Bedürfnis nach Gesprächen und Austausch.

Persönliche Verbindung und professionelle Vorbereitung

Mit Güstrow verbindet Frank Wilhelm seine eigene Studienzeit an der Pädagogischen Hochschule, wo er Deutschlehrer wurde. „Ich bin sehr froh, dass die Uwe-Johnson-Bibliothek uns zu diesem Thema eingeladen hat. Die Veranstaltung ist übrigens sehr professionell vorbereitet worden“, lobt der Autor. Die Lesung findet am 26. Februar um 19.30 Uhr statt und bietet den Besuchern einen tiefen Einblick in eine bewegte Zeit der deutschen Geschichte.

Die Buchreihe „1945. Krieg und Frieden. Erinnerungen aus Mecklenburg, Vorpommern und der Uckermark“ umfasst mittlerweile mehr als 1400 Seiten mit dokumentierten Erinnerungsberichten. Sie dient nicht nur der historischen Aufarbeitung, sondern auch dem generationenübergreifenden Dialog über eine Zeit, deren Spuren bis heute nachwirken.

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