Premiere in Schwerin: „Kolle witte Mann“ begeistert mit humorvoller Gesellschaftskritik
Die Fritz-Reuter-Bühne aus Schwerin hat mit ihrer jüngsten Produktion „Kolle witte Mann“ einen vollen Erfolg gelandet. Das Stück, das aktuell in der M*Halle Schwerin zu sehen ist, verbindet gekonnt humorvolle Unterhaltung mit tiefgründiger Gesellschaftskritik, ohne dabei moralisierend zu wirken. Selbst Zuschauer, die kein Plattdeutsch sprechen, kommen hier voll auf ihre Kosten.
Eine Trauerfeier gerät außer Kontrolle
Im Zentrum der Handlung steht die Beisetzungsfeier für Gernot Steinfeld. Horst Bohne, gespielt von Christoph Reiche, möchte als designierter Nachfolger in der Geschäftsführung von „Feinwäsche Steinfels“ eine würdige Abschiedsrede halten und übt diese noch einmal in der Trauerhalle. Sekretärin Rieke Schneider, dargestellt von Kerstin Westphal, ist von seiner Vorbereitung beeindruckt, hat aber kleine ästhetische Verbesserungsvorschläge für die Dekoration.
Der scheinbar harmonische Ablauf gerät jedoch völlig aus den Fugen, als Alina Bergreiter, gespielt von Joke Lisann Messmer, mit ihrem Social-Media-Experten Kevin, verkörpert von Simon Grundbacher, auftaucht. Alina entdeckt eine Kranzschleife mit der Aufschrift „Deine Mitarbeiter“ und fühlt sich als Frau übergangen. Was folgt, ist ein verbaler Schlagabtausch, der sich schnell von der ursprünglichen Trauerfeier entfernt.
Aktuelle gesellschaftliche Debatten im Fokus
Das Stück, das von Rolf Petersen ins Niederdeutsche übertragen wurde und auf einer Vorlage des erfolgreichen Autorenduos Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob basiert, wirft einen humorvollen, aber dennoch kritischen Blick auf zahlreiche aktuelle gesellschaftliche Diskussionen. Dabei finden verschiedene Perspektiven Raum:
- Die Generationenkonflikte zwischen traditionellen und digitalen Lebensweisen
- Die hitzigen Debatten um gendergerechte Sprache und Inklusion
- Fragen zu kultureller Aneignung versus Tradition
- Das Spannungsfeld zwischen Privatsphäre und sozialen Medien
Besonders bemerkenswert ist die Figur der hippen Praktikantin Kim, gespielt von Ida-Marie Brandt, die Vergleiche wie „wie bei den Hottentotten“ sofort als kulturelle Aneignung brandmarkt und damit weitere Diskussionen entfacht.
Regisseur Dirk Audehm setzt auf entspannte Reflexion
Regisseur Dirk Audehm überlässt die Beantwortung der aufgeworfenen Fragen klugerweise dem Publikum. In einem Interview im Programmheft erklärt er seine Intention: „Was ich mit meiner Inszenierung erreichen möchte, ist wirklich, dass die Leute danach bitte etwas entspannter sind.“ Audehm betont, dass die Welt momentan wirklich andere Probleme habe, als sich über Begrifflichkeiten zu ereifern.
Diese Haltung spiegelt sich auch im Schluss des Stückes wider, wo Rieke mit den weisen Worten zu hören ist: „Worüm sünd sick hier eigentlich all so säker, dat se Recht hebben? Worüm geiht disse doemlich Striet bet up't Metz?“ – eine Frage, die zum Nachdenken über die eigene Position in gesellschaftlichen Debatten anregt.
Ausgezeichnete Schauspielleistungen und weitere Vorstellungen
Das Ensemble um Christoph Reiche, Kerstin Westphal, Joke Lisann Messmer und Simon Grundbacher läuft in dieser Produktion zur absoluten Höchstform auf. Ihre Darstellungen sind nuancenreich und überzeugend, was das Stück zu einem besonderen Theatererlebnis macht.
Weitere Vorstellungen sind geplant:
- 12. April um 18 Uhr im Theater Putbus
- 19. April um 18 Uhr in der M*Halle Schwerin
- 23. April um 19:30 Uhr in der M*Halle Schwerin
- 29. April um 19:30 Uhr in der M*Halle Schwerin
„Kolle witte Mann“ beweist, dass Theater nicht nur unterhalten, sondern auch zum Nachdenken anregen kann – und das auf eine Weise, die sowohl humorvoll als auch respektvoll mit kontroversen Themen umgeht.



