Der Wind auf dem Parkplatz in Laage ist an diesem Morgen kühl und schneidend. Autotüren schlagen zu, letzte Umarmungen werden ausgetauscht, und dann machen sich die Mädchen in kleinen Gruppen auf den Weg zum bewachten Tor des Taktischen Luftwaffengeschwaders „Steinhoff“. Es ist Girls’ Day – ein bundesweiter Aktionstag, der Mädchen für Berufe begeistern soll, in denen sie unterrepräsentiert sind. Bei der Bundeswehr sind von rund 160.000 Soldaten etwa 25.000 Frauen. Hier in Laage liegt der Anteil bei etwas über zehn Prozent. Die aufgeregt geflüsterten Gespräche, die eben noch den Parkplatz erfüllten, weichen einer erwartungsvollen Stille, als die Gruppe das Kasernengelände betritt.
Ein Salut, dann die Begrüßung
In einem Besprechungsraum stehen auf den Tischen belegte Brötchen und Cola-Flaschen bereit. „Der Oberst kommt“, kündigt Hauptfeldwebel S. den Commodore des Standorts an. Sofort sitzen alle aufrecht. „Jeder Lehrer wäre stolz“, flüstert eine Soldatin. Als Oberst Dominique Gentzsch eintritt, nehmen die Soldaten Achtungshaltung an. Hauptfeldwebel S. salutiert: „Melde Girls’ Day wie befohlen eingerückt.“
Gentzsch begrüßt die 21 Mädchen. „Wir sind so etwas wie die Fahrschule für Eurofighterpiloten“, erklärt er der stillen Runde. Hier in Laage, führt er aus, werden die jungen Piloten nach ihrer Grundausbildung innerhalb von zehn Monaten am Eurofighter geschult. Er spricht von der „Alarmrotte“, den vier Jets, die als Luftpolizei rund um die Uhr bereitstehen, und bedauert, dass der reguläre Flugbetrieb heute erst um 16 Uhr beginnt. „Da sind Sie dann leider schon wieder weg.“ Sein Appell ist klar: „Bombardieren Sie die Leute mit Fragen. Es gibt keine dummen Fragen.“ Ob es jetzt schon welche gebe? Keine Teilnehmerin hebt die Hand.
Looping auf der Leinwand
Nach der Begrüßung führt der Weg durch einen Zaun mit der Aufschrift „Sperrzone Stufe II“. Die Handys müssen draußen bleiben. Im Gebäude dahinter stehen vier riesige Kugeln: die Eurofighter-Simulatoren. Der Techniker der Firma Airbus fragt, welches der Mädchen sich vorstellen könne, Pilotin zu werden. Vier Hände schießen in die Luft. Zwei davon sind die der 14-jährigen Annabell, Tochter eines Kampfpiloten, und die von Emilie, die von einer Karriere als Astronautin träumt. Sie dürfen heute den Simulator ausprobieren.
Der Weg ins echte Cockpit ist schwer – nur drei Frauen haben es bei der Bundeswehr bisher zur Eurofighter-Pilotin geschafft. Doch die Voraussetzungen sind heute andere: Ein Studium ist nicht mehr zwingend, auch mit einem Realschulabschluss kann man sich bewerben.
Annabell klettert ins Cockpit. Der Joystick liegt schwer in ihrer Hand. Der Fluglehrer deutet auf die drei Displays. „Bei 100 Knoten ziehst du den Stick fünf bis zehn Grad zu dir.“ Annabell gibt Schub. Die Anzeige schnellt nach oben, sie zieht, und der virtuelle Jet hebt ab. Direkt aus dem Start reißt sie die Maschine in einen Looping. Auf der 360-Grad-Leinwand rotiert die Welt, die projizierte Rollbahn kippt über ihren Kopf. Im Kontrollraum spüren die Zuschauer einen leichten Schwindel.
Dann ist Emilie dran. Sie legt den Jet in eine enge Kurve, das Flugzeug rollt um 90 Grad zur Seite. Der G-Kraft-Messer zeigt „9G“. Das entspricht dem Neunfachen des eigenen Körpergewichts. Auf einen 100 Kilogramm schweren Körper würden jetzt 900 Kilogramm lasten. „In der Luft würde das richtig wehtun“, sagt der Fluglehrer. Emilie lacht. Dann steuert sie zurück zum virtuellen Flughafen. Ihre allererste Landung ist etwas hart. Ein Techniker am Kontrollpult stellt fest, dass die Lenkung das Aufsetzen nicht überstanden hat. „Für das erste Mal aber trotzdem sehr gut.“ Er tippt ein paar Befehle und setzt den Flieger für die nächsten zwei Fliegerinnen zurück.
Der Traum vom Fliegen
Beim Mittagessen in der Kantine ist das Eis gebrochen. Die Pilotinnen auf Zeit haben leuchtende Augen und erzählen von ihrem Flug. Gemeinsam mit den anderen malen sie sich ihre Zukunft aus. Soldaten bekommen 30 Minuten Mittagspause. Den Mädchen bleibt heute eine ganze Stunde, bevor sie von einem Bus abgeholt werden.
Durch mehrere Checkpoints und Schranken geht es zu den Hangars der echten Jets – Sperrzone Stufe I, die Handys bleiben auf den Sitzen liegen. Das Tor fährt hoch und enthüllt die zwölf Meter Spannweite des Eurofighters dahinter. Eine Technikerin führt die Gruppe um die Maschine. Endlich ergeben sich auch Fragen: „Was macht dieser Lufteinlass da oben?“ Die Technikerin klettert kurzerhand auf die Tragfläche, läuft darauf entlang und erklärt von oben herab die Kühlung des Triebwerks. Annabell und Emilie steigen die Leiter zum Cockpit empor, ihr Blick tastet die Hebel und Schalter ab. Sie unterhalten sich leise.
Mehr als nur Piloten
Der letzte Stopp vor dem Abschied führt 112 Stufen auf den Tower. „Hier haben wir das Kommando“, erklärt der Fluglotse mit Blick über das Rollfeld. Wieder eine Frage, diesmal interessiert sich ein Mädchen für die Voraussetzungen für die Ausbildung zur Fluglotsin. Letzte Fragen gibt es beim Abschied nicht, aber ein Angebot: Wer heute einen Beruf gefunden hat, der sie interessiert, darf wiederkommen und noch einen Tag mit der Bundeswehr verbringen. Und wer die Familie mitbringen möchte, wird herzlich zum Tag der Bundeswehr am 6. Juni eingeladen. Dann müssen die Eltern nicht mehr auf dem Parkplatz warten.
Dort scheint inzwischen die Nachmittagssonne. Die Eltern nehmen ihre Töchter in den Arm. Auf der Rückfahrt wird viel erzählt.



