Vom Kneipenwirt zum Rathauschef: Heiko Steinmüller kandidiert für Schwerins Oberbürgermeisteramt
Heiko Steinmüller: Vom Wirt zum OB-Kandidaten in Schwerin

Vom Tresen ins Rathaus: Heiko Steinmüllers ungewöhnlicher Weg zur OB-Kandidatur

Später Nachmittag in der Mecklenburgstraße: Gläser klirren, Stühle rücken über Holzböden, leise Rockmusik erklingt aus den Lautsprechern. Hinter dem Tresen seines Pubs The Scotsman steht Heiko Steinmüller, begrüßt Gäste mit rauer Stimme und trockenem Humor. Der 57-Jährige, der am 12. April als parteiloser Kandidat für das Amt des Oberbürgermeisters von Schwerin antritt, verkörpert einen unkonventionellen politischen Stil. Bereits am 19. März stellt er sich beim Wahlpodium der SVZ im Wichernsaal den Fragen der Öffentlichkeit.

Vom „unfreundlichsten Wirt“ zum Stadtoberhaupt?

Wenn man Steinmüller nach seiner Identität fragt, beginnt er meist mit einem charakteristischen Witz. Sein bekanntestes Etikett trägt er mit sichtbarem Stolz: „Unfreundlichster Wirt Ostdeutschlands“. Diesen Titel verlieh ihm einst Manni Schmidt, Gitarrist der Metalband Rage, während einer Lesung im ehemaligen Headbangers. „Steini, du bist der unfreundlichste Wirt Ostdeutschlands“, scherzte der Musiker damals. Seither trägt Steinmüller dieses Prädikat mit einem verschmitzten Grinsen – wer den Begriff googelt, landet unweigerlich bei seinem Namen.

Doch hinter der ironischen Fassade verbirgt sich eine Biografie, die zunächst wenig mit klassischer Politik zu tun hatte. Geboren 1969 in Parchim, absolvierte er eine Maurerlehre, diente bei der NVA und erlebte die Wendezeit als junger Mann inmitten gesellschaftlicher Umbrüche. Anschließend zog es ihn in die Welt hinaus: Fast zwei Jahrzehnte lang saß er am Steuer eines Lastwagens, bereiste 48 Länder auf vier Kontinenten. „Ich habe die Welt mit dem Laster gesehen, nicht mit dem Flieger“, resümiert er diese prägende Phase.

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Vom Fernfahrer zum Kneipenbesitzer

Eigentlich plante Steinmüller, nach Rostock zu ziehen. Dass er 2011 in Schwerin landete, verdankt er einem Zufall – und der Überredungskunst von Freunden. Diese baten ihn, eine Metal-Kneipe zu übernehmen. Mutig kündigte er seinen sicheren Job und eröffnete 2012 seinen ersten Laden. Aus der ursprünglichen Szenekneipe entwickelte sich später The Scotsman, heute ein beliebter Treffpunkt, wo Punker neben Akademikern, Verwaltungsmitarbeiter neben Musikern sitzen.

Offiziell gehört der Pub seiner Ehefrau Marion Steinmüller, die er 2015 auf einem Hardcore-Konzert in Berlin kennenlernte und 2017 – im traditionellen schottischen Kilt – heiratete. Sie führt tagsüber das Geschäft, kümmert sich um Organisation und Bürokratie, während er abends und nachts hinter dem Tresen steht. „Ohne sie gäbe es den Laden längst nicht mehr“, betont er mit Nachdruck.

Politische Anfänge und persönliche Leidenschaften

Steinmüllers erste politische Erfahrungen sammelte er unfreiwillig durch Auseinandersetzungen mit Behörden, Auflagenstreitigkeiten und Existenzfragen. Seine Hartnäckigkeit zahlte sich aus: 2019 zog er in die Schweriner Stadtvertretung ein. Ein kurzer Ausflug in die SPD folgte, doch Parteistrukturen lagen dem Eigenbrötler nicht. Heute sitzt er fraktionslos im Gremium und sieht genau darin seine größte Stärke: Ein Oberbürgermeister müsse vermitteln können, ohne parteipolitische Fesseln.

Abseits der Politik pflegt er ungewöhnliche Hobbys: Er singt in einem Shanty-Chor, der Punk- und Rockmusik in unkonventionelle Seemannsversionen übersetzt. Zur Entspannung zieht er sich in ein Zimmer voller Miniaturzüge zurück – seine Modelleisenbahn, ein Kindheitstraum und Ausgleich zum turbulenten Kneipenalltag. „Das holt mich runter“, erklärt er. Und manchmal steht statt Bier auch ein torfiger Islay-Whisky auf dem Tresen – kräftig, rauchig, ganz nach seinem Geschmack.

Die Kandidatur: Vom Scherz zum ernsthaften Vorhaben

Seine Bewerbung um das Oberbürgermeisteramt sei anfangs nur zu „20 Prozent ernst gemeint“ gewesen, gesteht Steinmüller selbst. Doch mit der Zeit reifte der Entschluss: Wenn er Veränderungen in seiner Stadt wolle, müsse er selbst aktiv werden. „Ich bin kein leichter Mensch“, räumt er offen ein – streitbar, ehrgeizig, manchmal ungeduldig, aber stets ehrlich.

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Vom Maurer zum Fernfahrer, vom Wirt zum Stadtvertreter: Der nächste logische Schritt wäre das Rathaus. Für Heiko Steinmüller stellt dies keinen Karriereschritt im klassischen Sinne dar, sondern die konsequente Fortsetzung eines Weges, der nie geplant war, aber stets mit Überzeugung beschritten wurde. Sein politisches Angebot besteht nicht in einem glattpolierten Lebenslauf, sondern in einer Biografie mit Umwegen, Brüchen und einer Theke als sozialem Mittelpunkt.