IKTF in Hamburg: Neue Anlaufstelle soll die kriselnde deutsche Küstenfischerei retten
Das Bundesforschungsinstitut Thünen hat in Hamburg eine zentrale Anlaufstelle für die deutschen Küstenfischer an Nord- und Ostsee eröffnet. Die sogenannte Informations- und Koordinierungsstelle Transformation Fischerei (IKTF) soll der Branche in ihrer tiefgreifenden Krise beratend und vernetzend zur Seite stehen. Die Eröffnung erfolgt auf Basis der Empfehlungen der Zukunftskommission Fischerei, die im März 2024 ihre Arbeit aufnahm.
Multikrise bedroht traditionelle Fischerei
Nach Einschätzung des Thünen-Instituts steht die Küstenfischerei vor einer Vielzahl existenzieller Herausforderungen. In der Ostsee leiden wichtige Fischbestände wie Dorsch und Hering unter schlechten Umweltbedingungen. In der Nordsee wächst die Konkurrenz um Fanggebiete massiv – vor allem durch den Ausbau von Offshore-Windparks und die Einrichtung neuer Meeresschutzgebiete.
Gerd Kraus, Leiter des Thünen-Instituts in Bremerhaven, spricht von „multiplen Krisen“, die die Branche treffen:
- Der Brexit führte zu nachteiligen Neuregelungen für deutsche Fischer.
- Während der Corona-Pandemie brachen wichtige Absatzmärkte ein.
- Die aktuell extrem hohen Energiepreise setzen den Betrieben zusätzlich zu.
Besonders betroffen sind Fischer, die mit schweren Baumkurren (Schleppnetzen) Plattfische fangen. Der hohe Treibstoffverbrauch dieser Methode zwingt viele Betriebe zur Umstellung – etwa auf die Tintenfischfischerei mit leichteren Netzen.
IKTF: Aufgaben und Finanzierung
Die neue Anlaufstelle mit Sitz in der Hamburger HafenCity hat klare Aufgaben:
- Sie dient als erste Ansprechstelle für Küstenfischer.
- Die Mitarbeiter informieren, beraten und vernetzen die Betriebe.
- Zwei der fünf IKTF-Mitarbeiter werden direkt an Nord- und Ostsee arbeiten.
Die Wahl fiel auf Hamburg aufgrund der zentralen Lage zwischen beiden Meeren. Finanziert wird die IKTF vollständig aus Bundesmitteln im Auftrag des Bundeslandwirtschaftsministeriums. Bis Ende 2027 stehen drei Millionen Euro zur Verfügung – für Personal, Miete und notwendige Gutachten.
Dramatischer Rückgang der Betriebe
Die Küstenfischerei konzentriert sich auf Meeresgebiete nahe der Küste und wird überwiegend von kleinen, familiär geführten Betrieben mit Kuttern betrieben. Die Zahlen zeigen einen alarmierenden Trend:
- Anfang des Jahrhunderts: rund 1.275 Küstenfischereibetriebe
- Im Jahr 2020: nur noch etwa 644 Betriebe
- Bis 2024: weiterer Rückgang auf rund 600 Betriebe
In der Nordsee dominiert die Krabbenfischerei, in der Ostsee werden vor allem Plattfische und Hering gefangen. Der wichtige Dorsch darf nach EU-Vorgabe nicht gezielt befischt werden, der Hering nur passiv.
Reaktionen und Zukunftsperspektiven
Die Naturschutzorganisation WWF Deutschland begrüßt die Eröffnung der IKTF ausdrücklich. „Wir setzen unsere Hoffnung darauf, dass mit der IKTF der wichtige Dreh- und Angelpunkt entstanden ist, um den nötigen Wandel im Fischereisektor auch umzusetzen“, sagt Catherine Zucco, Meeresschutz-Expertin beim WWF. Gleichzeitig macht sie die Branche mitverantwortlich für ihre Krise – etwa durch jahrelange Überfischung.
Ein zentrales Zukunftsthema ist die Erneuerung der veralteten Fischereiflotte. Das Bundeslandwirtschaftsministerium fördert aktuell mit 20 Millionen Euro die Stilllegung alter Boote – mindestens drei Viertel des Geldes sind für Krabbenfischer reserviert. Institutsleiter Kraus fordert als nächsten Schritt eine staatliche Neukaufprämie für moderne, treibstoffsparende Fischereifahrzeuge. In der EU-Kommission gibt es jedoch Vorbehalte, dass neue Schiffe zu höheren Fangmengen führen könnten – eine Befürchtung, die Kraus als unbegründet zurückweist, da es primär um effizientere Antriebstechnik gehe.
Die IKTF steht vor der gewaltigen Aufgabe, den strukturellen Wandel der deutschen Küstenfischerei zu begleiten und zu gestalten – bevor weitere traditionelle Familienbetriebe für immer verschwinden.



