Nach einer Flasche Schnaps: Wie Jugendsünden und Heimatgefühle zusammenhängen
Jugendsünden und Heimat: Eine persönliche Reflexion

Nach einer Flasche Schnaps: Wie Jugendsünden und Heimatgefühle zusammenhängen

Eine eigentlich spaßige wie leichtsinnige Aktion: Diese Schlittenfahrt endete tödlich. Nordkurier-Leser haben mich erst nachdenklich gestimmt. Dann folgt ein tödlicher Vorfall. Zeit für eine Reise in die eigene Vergangenheit.

Vorglühen in der Jugend: Whisky, Bier und Billig-Cola

Eine Flasche Whisky, gern die „Stars & Stripes“-Variante mit den Flaggen der USA als Cover für 6,99 Euro. Dazu natürlich jeder ein paar Bier – und die Billig-Cola, um den Schnaps auf halbwegs erträgliche Weise in unsere Kehlen laufen zu lassen. Die Original-Cola? Einfach zu teuer! Bier als Parallelgetränk – eher eine Art Beilage oder Wasserersatz. So begann für mich vor über 20 Jahren ein klassischer Abend, wenn wir weggehen wollten, also das, was man in meiner Jugend unter „Vorglühen“ verstand.

„Ich bin wieder hier“: Eine Rückkehrer-Kolumne über Heimat und Identität

In meiner Rückkehrer-Kolumne schreibe ich über das, was mir in Stadt und Region auffällt. 20 Jahre bin ich durch Deutschland getingelt: In Marburg lernte ich Freunde fürs Leben kennen, in Tübingen Menschen, die mir nie wieder aus dem Kopf gehen sollten. In Düsseldorf erlebte ich, wie hart es sich ganz allein ohne Heimat- und Studienfreunde anfühlt. In Berlin entwickelte ich mich beruflich weiter und gründete eine Familie. Hier reifte der Entschluss: Ich will zurück zu meinen Wurzeln. Über mein neues altes Leben schreibe ich in „Ich bin wieder hier“.

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Riskante Aktionen: Vom Fahrrad den Lindenberg hinunter

Ich bin nicht stolz auf das, was dann folgte. Gut angetrunken fuhren mein Cousin und ich auf einem(!) Fahrrad den Lindenberg herunter, um am Samstagabend ja noch vor 22 Uhr den Alten Schlachthof zu entern. Nur 5 Euro Eintritt, damit vor Ort weiter gebechert werden konnte. Für mich war der „Schlachter“ damals der Inbegriff einer Discothek, hier lernte ich Techno als Musikgenre kennen und versuchte, meinen grobmotorischen Körper über die Tanzfläche im Schwarzen Raum zu manövrieren. Mit besagtem Zweirad oder manchmal mit dem ersten Bus um 4:27 Uhr ging es zurück nach Hause. Rausch ausschlafen - oder einmal wegen des Heißhungers auf überbackene Stullen noch fast die halbe Bude abfackeln.

Warum ich über harten Tobak schreibe

Ich bin nicht stolz auf das, was wir da angestellt haben. Warum erzähle ich so viel harten Tobak? Ich bin schließlich nicht stolz auf das, was wir damals angestellt haben. Um das einmal ganz klar zu sagen: Das war dumm, nicht erlaubt und hätte alles richtig schiefgehen können. Und Alkoholmissbrauch ist kein Spaß, sondern bittere Realität in Deutschland.

Jugendsünden und Heimat: Eine enge Verknüpfung

Jugendsünden und Heimat sind eng miteinander verknüpft. Aber es sind manchmal auch Jugendsünden, die uns ausmachen, an die wir uns gern erinnern, die wir letztlich nicht missen möchten. Und Jugenderinnerungen sind, wie in meinem Fall, ganz eng verknüpft mit Heimat. Kindheit und Jugend sind die prägendste Zeit, oft verbringen wir sie an ein und demselben Ort. Solche Erlebnisse formen letztlich unsere Sehnsucht nach Heimat, unsere Wurzeln, unsere Identität.

Kritische Reaktionen auf virale Videos

Kritisch, gefährlich, verboten: Ich schreibe diese Zeilen auch noch aus einem anderen Grund. Zwei virale Videos, die wir im Zuge der Wetterlage im Nordosten zuletzt veröffentlicht haben, riefen ganz schön viele Reaktionen hervor. In dem einen Clip fährt ein Kettenfahrzeug auf dem Stettiner Haff. Das andere Video zeigt ein Auto, das abseits des Ufers vom Festland Richtung Insel Usedom brettert.

Zwischen Nostalgie und Sicherheit

Objektiv, rational und richtig ist es, das Verbot solcher Aktionen in Deutschland zu betonen, genauso wie die hohen drohenden Bußgelder und die Lebensgefahr, die damit einhergehen. Aber natürlich gibt es da auch noch eine andere Ebene, nämlich die, die eng mit Nostalgie und Erinnerung verbunden ist.

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Kommentare aus der Community

Darum war ich nur kurz überrascht von den kritischen Rückmeldungen. Und konnte einige Kommentatoren durchaus verstehen. „Haben wir in den 90ern auch gemacht. War ein Riesenspaß!“, heißt es bei Instagram, oder wahlweise: „Das war früher normal“. Auch, wenn manche Details eher schwindelerregend sind: „Haben wir als Kinder auch gemacht, alle Fenster auf und Schiebedach, falls es schief geht“, schreibt einer. Klar wird auch, wie normal halsbrecherische Fahrten übers Eis vor allem auf dem Land wahrgenommen werden: „So ist das auf dem Dorf“ ist nur einer der zahlreichen und vielfach gelikten Kommentare.

Die tödliche Schlittenfahrt in Kuchenmiß

Auf dem Land treiben sie es ja noch doller. Dabei bin ich in der Stadt aufgewachsen, die Landbevölkerung im Nordosten hat also noch ganz andere Geschichten zu bieten. Nun sind Sehnsucht und Nostalgie oder auch Heimaterinnerungen und Jugendsünden erst einmal was Schönes. Nachdenklich stimmt mich eher, wenn betont wird, wie frei sich das damals anfühlte, und sich einige heute vor einer angeblichen Verbotskultur grämen. Das geht mir persönlich eine Nummer zu weit.

Dass die Gefahr bei meinen oder den Eis-Aktionen real ist und fürchterliche Folgen haben kann, zeigt die tödliche Schlittenfahrt in Kuchenmiß schmerzlich. Ein 37-jähriger Mann hatte drei Kinder zwischen elf und 13 Jahren hinter seinem Transporter hergezogen, ein Junge verunglückte wohl bei einem Wendemanöver des Fahrers. Ein Unglück, das zeigt: Das Risiko schwingt immer mit. Und gleichzeitig sind Dosis und Grenzen (wie immer im Leben) die prägende Entscheidungshilfe.

Tickt „die Jugend von heute“ in unserer Heimat ganz anders?

„Wir haben früher ganz schön viel Mist gebaut“, höre ich des Öfteren. Und dann die These, dass die „Jugend von heute“ so viel vernünftiger und ordentlicher sei. Dann fällt sogar die Frage: „Haben die überhaupt noch Spaß?“ Dazu passt ein Vergleich meines besagten Cousins. Der meint: Die neue Generation, die heute knapp unter oder über 18 ist, schafft es nicht mehr, richtig vorzuglühen. Er hadert mit den Überreaktionen, wenn dann doch mal einer betrunken einschläft und nicht mehr so leicht zu wecken ist. Anstatt auf den Partygast aufzupassen und die Chance zu nutzen, ihn lustig anzumalen oder witzige Bilder mit dem Betroffenen aufzunehmen, werde der Rettungsdienst gerufen. Sein Fazit: „Gott sei Dank bin ich nicht heute geboren!“

Nun ja, jede Generation tickt eben anders. Gesundheit, Kontrolle, Selbstachtung und Selbstoptimierung sind sicher auch nicht verkehrt. Und was wirklich witzig ist oder einem selbst guttut, darf zum Glück jeder selbst entscheiden.