Wenn Opa ins Gefängnis muss: Wie der Justizvollzug in MV auf ältere Häftlinge reagiert
Ältere Häftlinge in MV: Justizvollzug stellt sich auf Senioren ein

Wenn Opa ins Gefängnis muss: Wie der Justizvollzug in MV auf ältere Häftlinge reagiert

Die Gesellschaft wird älter - und dieser demografische Wandel macht auch vor den Gefängnismauern nicht halt. In Mecklenburg-Vorpommern müssen sich Justizvollzug und Haftanstalten zunehmend auf eine wachsende Zahl älterer Insassen einstellen. Zwei aktuelle Fälle verdeutlichen diese Entwicklung besonders eindrücklich.

Zwei Schicksale hinter Gittern

Im Dezember 2025 verurteilte das Landgericht Neubrandenburg einen 75-jährigen Mann zu fünfeinhalb Jahren Haft wegen Totschlags an seiner Ehefrau in Waren (Müritz). Nur einen Monat später sprach das Landgericht Schwerin einen 74-Jährigen aus der Umgebung der Landeshauptstadt des schweren sexuellen Missbrauchs seiner Enkelin schuldig - er erhielt eine Freiheitsstrafe von sieben Jahren und einem Monat. Beide Männer werden einen erheblichen Teil ihres letzten Lebensabschnitts hinter Gittern verbringen müssen.

Die Zahlen sprechen eine klare Sprache

„Zuletzt waren in Mecklenburg-Vorpommern 40 Inhaftierte registriert, die das 60. Lebensjahr vollendet haben“, berichtet Tilo Stolpe, Pressesprecher des Justizministeriums in Schwerin. „Davon waren sieben Gefangene bereits 70 Jahre und älter.“ Diese Zahlen markieren einen deutlichen Anstieg gegenüber früheren Jahren: Während 2004 im Nordosten nur 19 Menschen über 60 in Haft saßen, waren es 2012 bereits 27. In den letzten zehn Jahren blieben die Zahlen zwar stabil, doch Experten rechnen langfristig mit einem weiter wachsenden Bedarf an Unterbringungsmöglichkeiten für straffällig gewordene Senioren.

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Herausforderungen für den Justizvollzug

„Ältere Gefangene haben häufiger chronische Erkrankungen, eingeschränkte Mobilität sowie einen erhöhten medizinischen und betreuerischen Bedarf“, erklärt Stolpe die besonderen Herausforderungen. Die Unterbringung und Betreuung müsse sich daher stärker am individuellen Gesundheitszustand orientieren als bei jüngeren Inhaftierten. Ein zentrales Ziel bleibt dabei - ähnlich wie in der freien Gesellschaft - die Selbstständigkeit der Senioren so weit wie möglich zu erhalten.

In den Anstalten stehen bereits barrierearme Hafträume zur Verfügung. Besonders die neu gebaute Sicherungsverwahrung der JVA Bützow verfügt über zehn Zimmer mit extra großen Nasszellen, die speziell für ältere Untergebrachte mit „typischen geriatrischen Symptomen“ konzipiert wurden. In Mecklenburg-Vorpommern saßen zuletzt zwölf Sicherungsverwahrte ein - Menschen, die ihre Haftstrafe bereits verbüßt haben, aber wegen anhaltender Gefährlichkeit nicht entlassen werden. Für sie besteht durchaus die reale Möglichkeit, in der Sicherungsverwahrung alt zu werden.

Verschobene Pläne und aktuelle Lösungen

Ursprünglich war die Einrichtung einer speziellen geriatrischen Abteilung in der JVA Bützow geplant, wie Ministeriumssprecher Stolpe berichtet. Dort sollten besondere Unterbringungs- und Behandlungsmöglichkeiten für ältere Gefangene mit typischen Altersbeschwerden wie Immobilität, Inkontinenz, Sturzneigung, Demenz oder Schlafstörungen geschaffen werden. Doch dann wurde das Geld knapp: „Die weitere Ausgestaltung dieser Planung ist aufgrund fehlender Haushaltsmittel und anderer prioritärer Baumaßnahmen auf die Zeit nach 2031 verschoben“, heißt es aus dem Justizministerium.

Aktuell kommen mobile Pflegedienste in die Anstalten, wenn ein Insasse pflegebedürftig wird. In schweren Fällen lebensbedrohlicher Erkrankungen kann die Staatsanwaltschaft die Vollstreckung der Freiheitsstrafe unterbrechen - eine Entscheidung, die stets sorgfältig abgewogen wird, nicht zuletzt mit Blick auf die öffentliche Sicherheit.

Besondere Rolle älterer Häftlinge

Justizvollzugsexperten sehen die Anwesenheit älterer Gefangener durchaus auch positiv. Sie seien deutlich seltener in Konflikte innerhalb der Anstalt verwickelt und könnten überdies beruhigend und schlichtend auf jüngere Mitgefangene einwirken. Diese stabilisierende Wirkung wird im Gefängnisalltag zunehmend wertgeschätzt.

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Arbeit und Freizeit für Senioren hinter Gittern

Während Häftlinge normalerweise arbeiten sollen, um sich auf ein Leben nach der Haft vorzubereiten, werden vorhandene Arbeitsplätze vorrangig an jüngere Gefangene vergeben. Ältere Insassen können jedoch bei passender Gelegenheit ebenfalls beschäftigt werden, etwa als Hausarbeiter auf den Stationen oder - bei entsprechender Lockerungseignung - auf dem Außengelände der Anstalt. Spezielle Arbeitsplätze ausschließlich für Senioren gibt es laut Ministerium nicht, doch wird stets auf körperlich leichtere Tätigkeiten geachtet.

Die Freizeit- und Sportangebote in der JVA stehen auch älteren Häftlingen offen. Bei medizinischer Indikation können zusätzlich Kardio-Trainings zur Stärkung des Herz-Kreislauf-Systems oder verlängerte Aufenthaltszeiten auf der Haftstation ermöglicht werden.

Vergleich mit anderen Bundesländern

Andere Bundesländer sind in dieser Hinsicht bereits weiter fortgeschritten. Spezielle Abteilungen für Häftlinge ab 60 Jahren existieren beispielsweise in der JVA Walheim in Sachsen und in der JVA Bielefeld-Senne in Nordrhein-Westfalen. In einem Informationsblatt der Bielefelder Einrichtung heißt es: „Neben der körperlichen, geistigen und sozialen Aktivierung ist es ein Anliegen des interdisziplinären Betreuungsteams, die Inhaftierten im Vollzugsalltag zu begleiten, Räume für die Reflexion altersbedingter Veränderungen in der beginnenden letzten Lebensphase zu schaffen und auf ein selbstbestimmtes Leben in Freiheit vorzubereiten.“ Angeboten werden dort Hilfe in Rentenangelegenheiten, Unterstützung bei Schwerbehinderungen, Wassergymnastik und die Möglichkeit, sich im anstaltseigenen Park zu bewegen.

Die Entwicklung in Mecklenburg-Vorpommern zeigt deutlich: Der Justizvollzug steht vor der Aufgabe, sich auf eine älter werdende Gefangenenschaft einzustellen. Während erste Maßnahmen wie barrierearme Zellen bereits umgesetzt sind, bleiben größere Projekte wie die geplante geriatrische Abteilung in Bützow vorerst Zukunftsmusik - verschoben auf die Zeit nach 2031. Bis dahin müssen bestehende Strukturen die besonderen Bedürfnisse älterer Häftlinge auffangen.